Geheimnisse


Vor einigen Jahren habe ich mal angefangen ein Buch zu schreiben. Hier mal so nach und nach, was dabei herausgekommen ist. Eigentlich weiß ich selber auch gar nicht mehr, was ich damals so zusammengeschrieben habe. Also, eine kleine Entdeckungsreise in die Vergangenheit …
Geheimnisse
Ein neuer Tag in Arapek, der größten Stadt des Mittelkontinents, hatte begonnen. Die Straßen waren noch relativ leer, für größere Aktivitäten war es noch zu früh. In ein paar Stunden jedoch würde es ganz anders aussehen, viel geschäftiger, wenn erst einmal das große Treiben losgehen würde. Doch jetzt war es ruhig.
Joris schlenderte gemütlich durch die schmutzigen Straßen – wie jeden Morgen. Für ihn war ein Tag wie der andere. Groß Abwechslung gab es nicht, es lief immer alles nach dem gleichen Mustern.
Eigentlich war er mit seinen Mitte 30 im Besten Alter, doch davon war hier nichts zu sehen. Er erwartet nicht mehr viel vom Leben, hatte sich mit seinem alltäglichen Trott abgefunden. In Wirklichkeit schien er damit auch völlig zufrieden zu sein. Oder sollte man eher sagen, er ließ sich hängen?
Seine Körperhaltung und sonstige Aussehen stimmte dieser Aussage zu. Er ging vornüber gebeugt, als würde ihn sein Bauch dort hinunterziehen. Seine Kleidung war zwar ordentlich, aber unterstrich perfekt die Eintönigkeit seines Daseins. Grau in grau lief er durch die Strassen. Nur seine Wollweste, die er über seinem Hemd trug, bildete einen kleinen Kontrast dazu. Gut, sie war nicht grau. Das war auch das einzige Merkmal an der Weste. Sonst könnte man eher noch hinzufügen, dass sie sein Alter noch um mehrere Jahre anhob. Alles in allem war aber alles ordentlich, die Haare waren sauber gekämmt und seine schwarzen Stiefel waren frisch geputzt. Allerdings war es nicht zu vermeiden, dass sich der Dreck der Straßen an sie heftete.
Sonst war alles in Ordnung. Wie jeden Morgen – mittlerweile schon fünf Jahre lang – war Boris auf dem Weg zum Bäcker. Nach wenigen Minuten hatte er sein Ziel erreicht. Börek, der Besitzer der Bäckerei war gerade dabei, seinen Laden zu öffnen. Er hatte gelernt, dass er sich auf Joris verlassen konnte. Er wusste, wenn Joris kommt, dann musst du den Laden öffnen.
“Einen schönen Guten Morgen, Joris. Pünktlich wie immer” sagte Börek und hielt Joris die Tür auf.
Börek war ein guter Bäcker und das wusste er auch. Man musste sogar  davon ausgehen, dass er auch ein begeisterter Liebhaber seiner eigenen Produkte war. Dies war immerhin das, was sein Bauch verriet. Seine Bäckeruniform weigerte sich beharrlich, sich korrekt schließen zu lassen. Also hatte Börek einfach beschlossen, die untersten Knöpfe offen zu lassen, zumindest diejenigen, die sich noch nicht von selbst verabschiedet hatten.
“Guten Morgen, Börek”, entgegnete Joris während er den Verkaufsbereich der Bäckerei betrat. Hinter ihm kam sofort Börek herein und stellte sich hinter die Theke.
“Was darf’s denn sein?”
Diese Frage hätte sich Börek auch sparen können, denn Joris kaufte Morgen für Morgen dasselbe.  Das wusste Börek auch und hatte auch alles schon hinter der Theke breitgelegt. Allerdings zwang ihn seine Persönlichkeit dazu, jedem Kunden diese Frage zu stellen. Das hatte er sich einfach angewöhnt und er änderte dies auch selbst für Stammkunden nicht ab.
“Zwei Maisbrote, bitte”, verlangte Joris.
Maisbrote waren Beröche Spezialität und es gab sie sonst nirgendwo in Arapek zu kaufen. Außen waren sie schön knusprig und innen fluffig. Joris fand sie einfach köstlich.
Börek griff unter die Theke , holte die eingepackten Brote hervor und reichte sie Joris. Die Brote waren noch so frisch, dass sie noch leicht dampften.
“Und, wie läuft das Geschäft?” fragte Joris, nachdem er sich das Päckchen mit den frischen Broten unter den Arm geklemmt hatte.
Börek grinste: “Gut, die Leute brauchen immer Brot und gutes Brot gibt es bei Börek!”
Das klang wie ein Werbespruch. Börek war stolz darauf. Er hatte es sich ganz alleine einfallen lassen. Allerdings war die Qualität seines Brotes eigentlich schon Werbung genug. Das Brot war wirklich gut und zudem auch noch preiswert.
“Und, wie geht es dir”, ging die Frage zurück, “Was macht dein Rücken?”
“Im Augenblick geht es wieder besser.”
Mit seinem Rücken ging es immer auf und ab seit er sich vor fünf Jahren hier niedergelassen hatte. Doch so richtig beklagt hatte er sich nie darüber. Außerdem hatte er sich sowieso schon an die Schmerzen gewöhnt und merkte es schon gar nicht mehr so.
Joris holte einige Münzen aus seiner Tasche und legte sie auf die Theke.
“Jetzt muss ich aber weiter. Einen schönen Tag noch!”
Joris blieb selten länger in der Bäckerei, um noch etwas mit Börek zu plaudern. Vielleicht hatte er es ein oder zweimal gemacht in den letzten Monaten, aber normalerweise, war der Besuch ganz schnell wieder rum.
“Tschüss, Börek!”
“Dir auch noch einen schönen Tag, Joris!”
Dann verließ Joris die Bäckerei und machte sich auf den Weg zu seinem nächsten Stopp, wie schon die ganzen letzten Jahre an jedem so eintönigen Morgen.
Joris’ Stammkneipe “Zum Tanzenden Bären” lag nicht weit von der Bäckerei entfernt. Also waren keine unnötigen Fußmärsche von Nöten, um die alltäglichen wichtigen Dinge zu erledigen.
Den Namen hatte die Kneipe von ihrem Besitzer – und das nicht nur, weil dieser sich den Namen ausgedacht hatte. Olaf kam vor 16 Jahren aus dem hohen Norden in die Stadt und hatte die Kneipe eröffnet.
Der Name passte gut – nicht weil Olaf so behaart war, sondern, weil er so groß und kräftig wie ein Bär war. Doch er war nicht furchterregend. Olaf war ein gutmütiger Mensch und er war stets freundlich. Dazu kam, dass er stets gute Laune hatte und sich mit so viel freudiger Energie durch seine Kneipe bewegte, als hätte man das Gefühl, er würde ständig tanzen – daher “Zum Tanzenden Bären”.
Als Joris die Kneipe erreichte, kam ihm der letzte Gast des Vorabends entgegen. Dieser sah so aus, als wünschte er sich, er hätte einige Biere weniger getrunken und wäre früher gegangen – viel früher. Doch er musste seine Gründe gehabt haben. An diese konnte er sich heute Morgen jedoch nicht mehr erinnern.
Wenn eine von Olafs Gästen mal zu viel getrunken hatte und nicht mehr nach Hause gehen konnte, ließ er ihn einfach im Schankraum schlafen. Bis jetzt hatte Olaf noch keine Probleme dadurch gehabt. Trotz ihres alkoholisierten Zustandes konnte sich jeder Gast immer noch ganz gut merken, mit wem er es zu tun bekommen würde, wenn er Ärger machen würde. Wahrscheinlich sahen sie in ihrem Zustand nur noch den Bären oder eben absolut gar nichts mehr. Das letztere war eher der Fall.
Sobald Joris eingetreten war, schaute Olaf von seiner Theke, die er gerade mit sehr viel Elan putzte, hoch und begrüßte ihn. Joris war erst der zweite Gast an diesem Morgen, wenn man den Gast vom Vortage nicht mitrechnete.
“Hallo Joris, was macht die Kunst?”
“Hallo Olaf. Es geht so, kann gerade noch davon leben.”
Das war nicht einfach nur so ein Spruch. Joris verdiente sich in der Tat seit einigen Jahren seinen Lebensunterhalt damit, dass er Bilder malte. Er konnte zwar nicht sehr gut malen, aber heutzutage kauften die Leute alles, jeden Mist. Und falls das Geschäft mal doch nicht so gut laufen sollte, hatte er immer noch seine Ersparnisse, Geld aus früheren Zeiten.
“Und wie geht es deinem Rücken?”
“Zur Zeit kann ich nicht klagen.”
Joris wollte eigentlich nie über seine Rückenschmerzen sprechen, aber komischerweise fragten immer alle danach.
Joris setzte sich an seinen Stammtisch, direkt neben dem Kamin. Er mochte es immer ein wenig wärmer. Das tat auch seinem Rücken besser, selbst wenn er es nie zugeben würde.
Der andere Gast von Olafs Kneipe nickte Joris freundlich zu und er erwiderte den Gruß.
Olaf hatte nun seinen Lappen weggetan und kam mit zwei frisch gezapften Bierkrügen zu Joris an den Tisch.
“Zwei Bier, wie immer”, sagte Olaf und stellte einen Krug direkt vor Joris ab und den anderen gegenüber auf den Tisch. Joris bezahlte sofort und genehmigte sich schon mal einen kleine Schluck von dem Krug.
Währen Olaf zurück zur Theke ging, trafen auch schon weitere Gäste ein, die etwas zu essen und zu trinken wollten. Zum Frühstück servierte Olaf Brot, Käse, Wurst und natürlich Bier.
Joris saß gemütlich an seinem Tisch wartete. Als er sein Bier schon fast zur Hälfte leer getrunken hatte, traf endlich sein Freund Silk ein. Er hatte schwarze Haare und einen schmalen Schnurrbart. Bekleidet war er mit einem weiten roten Hemd und einer weißen Hose, an der deutlich zu erkennen war, wie dreckig es draußen war. Seine Stiefel waren nicht minder schmutzig. Unter seinem Arm trug Silk einen großen Beutel.
Als Silk die Kneipe betrat schaute er sich nervös in allen Ecken um, als wolle er verhindern, dass ihn irgendjemand unerwünschtes beobachtet. Die Luft schien rein zu sein. Also ging zu Joris an den Tisch rüber.
Gleich würde Silk von einem großen Schatz oder einem fantastischem Abenteuer erzählen und versuchen, ihn dazu zu überreden, mit ihm loszuziehen. Es ist doch immer dasselbe, dachte Joris.
Silk trank erst mal einen kräftigen Schluck Bier, wie um sich Mut anzutrinken.
Dann ging es los: “Hör mir zu, Joris. Was ich dir jetzt erzähle, wirst du mir bestimmt nicht glauben.”
“Stimmt!”
Silk zuckte nur kurz minimal im Gesicht zusammen, aber ignorierte sonst die Äußerung: “Wir können einen riesigen Schatz finden, und, wenn ich sage riesig, dann meine ich auch riesig. Ein großes Abenteuer wartet auf uns. Wie in alten Zeiten. Wir werden die legendäre Insel im Nebel finden.”
“Das ist doch nur ein Märchen, eine schöne Geschichte. Ich dachte, aus diesem Alter erst du raus. Diese Insel existiert gar nicht und daher können wir auch logisch schlussfolgern, das es keinen Schatz gibt, kein Geheimnis, kein Abenteuer und kein gar nichts.”
Silk hob abwehrend die Hand.
Joris wusste genau, was jetzt kommen würde: der Beweis.
Silk deutete auf seinen Beutel hin und fügte hinzu: “Ich habe nämlich einen Beweis.”
Vorsichtig öffnete er den Beutel, schaute sich nochmal um, dass auch ja niemand sie beobachtete und dann zog er eine Vase hervor.
“Diese Vase ist der Schlüssel. Nein, besser gesagt, diese uralte Vase ist eine Karte, die uns direkt zur Insel führen wird.”
Joris zeigte sich skeptisch. Er nahm sich die Vase und betrachtet sie aufmerksam, als ob auf einmal doch etwas an der Sache dran sein könnte. Sie sah wirklich alt aus. Vorsichtig drehte Joris die Vase in seinen Händen und begutachtete sie von allen Seiten. Als er den Boden angeschaut hatte, fing er auf einmal an zu lachen.
Silk war empört.
“Hey, was ist los. Wieso machst du dich über mich lustig?”
Langsam drehte Joris die Vase so, dass Silk den Boden der Vase sehen konnte.
“Da bist du wohl mal wieder jemanden auf den Leim gegangen. Diese Vase ist bestimmt nicht uralt und erst recht nicht die Karte zu der Insel im Nebel. Hier unten steht: Made in Arapek by Rogney Rock. Den kenn ich sogar zufälligerweise. Ich glaub sogar, von dem hab ich zu Hause auch eine Vase stehen.”
Nun war Silk sichtlich enttäuscht. Beschämt steckte er die Vase zurück in den Beutel. Dann nahm er noch einen Schluck Bier und die Enttäuschung war ihm nicht mehr anzumerken.
“Aber denk doch mal nach Joris. So kann das doch nicht weitergehen. Wir können hier doch nicht ewig bleiben und versauern. Wir müssen raus, zurück ins Leben, auf zu neuen Abenteuern.”
“Schau mich doch mal an, Silk. Ich bekomme schon langsam graue Haare. Ich bin zu alt für sowas. Ich bin immerhin schon fast 40.”
“Du bist 35!”
“Na gut, aber trotzdem. Vergiss es doch einfach.”
“Aber …”, wollte Silk erneut ansetzen.
“Lass es. Lass uns lieber über was anderes reden. Wie war denn dein Tag gestern?”
Silk gab auf – erst mal.
Die beiden wechselten das Thema und unterhielten sich über alltäglich – langweilige Dinge, wie Silk dachte. Ein typische Tag für Joris in Arapek.


***
In dieser Nacht schlief Joris schlecht. Sein Rücken machte ihm  wieder zu schaffen. Bis zum Mittag würde alles besser sein, dachte er sich und so machte er sich auch wie gewöhnlich auf seine morgendliche Tour.
Es hatte in der Nacht zuvor geregnet und die Straßen waren dementsprechend matschig. Es nieselte noch und der Himmel zeigte sich auch nicht von seiner freundlichen Weise, alles nur grau in grau. Die Sonne konnte man hinter der dichten Wolkendecke nur erahnen.
Zunächst ging Boris wieder zu Börek, um seine zwei Maisbrote abzuholen. Außerdem gab Börek Joris noch einen kleinen Beutel von seinem neuen Gebäck als Kostprobe mit.
Direkt nach Verlassen der Bäckerei musste Joris sich auch schon probieren, so eine Art Kekse. Sie schmeckte zum einen nach Schokolade und zum anderen fruchtig. Joris konnte zwar nicht einordnen nach welcher Frucht, aber er war sich sicher, dass sie fruchtig und gut schmeckten. Er probierte auch noch einen zweiten und beschloss dann, den Rest für später aufzubewahren und auch Silk einen zu geben.
Er nahm einen weiteren Keks.
Bei Olaf angekommen war der Beutel leer. Joris war diesmal der erste Gast in der Kneipe und auch in den nächsten Minuten kam niemand. Muss wohl am Wetter liegen, dachte Joris, denn wer nicht unbedingt raus musste, blieb bei solch einem Wetter eher zu Hause und vielleicht sogar im Bett. Selbst Olaf sah danach aus, als  hätte er dies auch lieber getan.
Doch das konnte sich Olaf nicht leisten. Er musste für seine Gäste sorgen. Er hatte eine gewisse Verantwortung. Nachdem er Joris die üblichen zwei Bier gebracht hatte, machte er sich endlich daran, die Theke zu polieren.
Kurz darauf kamen dann auch schon die nächsten Kunden und bereiteten Olaf weitere Arbeit. Natürlich brachten sie hm auch Geld ein.
Langsam füllte sich die Kneipe, währen Joris – wie immer – auf seinen Freund Silk wartete. Er war – wie immer – unpünktlich. Man konnte praktisch mit seiner Unpünktlichkeit rechnen.
Als Joris gerade mit seinem Krug Bier fertig war, wurde die Kneipentür geöffnet. Das muss jetzt Silk sein, sagte sich Joris und stellte seinen Krug ab.
Joris schaute hinüber zur Tür. Es war nicht Silk. Der Neuankömmling war eine Frau. Man konnte zwar nicht viel erkennen, da sie einen roten Überwurf mit einer Kapuze trug, aber die Umrisse allein verrieten alles. Der Überwurf war überall mit feinen Tröpfchen übersät, da das Nieselwetter weiterhin andauerte.
Die Frau hob beide Hände und streifte langsam die Kapuze ab. Für Joris schien dies wie in Zeitlupe zu geschehen. Vielleicht hatte das aber auch einen anderen Grund. Was er da sah, gefiel ihm auf jeden Fall. Die Frau hatte braunes, wallendes, lockiges Haar. Man konnte sich gar nicht vorstellen, wie die Haare unter der Kapuze Platz gefunden hatten und vor allem, wie sie ihre Form bewahren konnten. Und dann diese Augen und dieser Mund …
Joris zwang sich und riss seinen Blick von der Frau und nippte an seinem Krug. Seine Lippen blieben jedoch trocken, der Krug war leer. Schnell tauschte er seinen Krug mit Silks. Dann trank er sofort einen Schluck Bier, um nicht wieder die Frau anzustarren. Joris hielt seine Blick bewusst nach unten, fast schon übertrieben.
Plötzlich hörte er eine Frauenstimme aus unmittelbarer Nähe: “Entschuldigen sie bitte, sind sie zufällig Joris Maron?”
Joris schaute von seinem Tisch auf und erblickte die Frau, die eben erst die Kneipe betreten hatte, direkt vor ihm an seinem Tisch.
Von Nahen sieht sie noch besser aus, fand Joris.
Joris setzte sein bestes Gesicht auf und lächelte – grinste: “Ja, genau der bin. Was kann ich für sie tun?” Was immer sie wollen, setzte er in Gedanken nach.
“Darf ich mich setzen?”
Joris stand auf und deutete mit seiner Hand auf einen Stuhl am Tisch: “Mit Vergnügen.”
Die Frau ließ sich auf einem Stuhl gegenüber von Joris nieder und er setzte sich auch wieder hin.
“Mein Name ist Suzella Mendez. Ich bin hier, weil ich ihre Hilfe brauche. Ich habe gehört, sie könnten mir helfen.”
“Sie sind genau bei dem richtigen. Sie haben absolut richtig gehört.”
Für dich würde ich alles tun, dachte sich Joris.
“Es geht um meinen Vater. Er ist nämlich vor einem Jahr verschwunden. Damals ist er mit einigen Freunden losgezogen. Er hatte etwas davon gesagt, er wolle eine goldene Stadt finden. Aber weder er, noch einer von seinen Freunden ist je zurückgekehrt.”
“Hm … das klingt sehr interessant.”
“Und, können sie mir helfen, meinen Vater wiederzufinden?”
Suzella Gesicht wirkte nun traurig und sie suchen den Tränen nahe zu sein. Joris hatte Mitleid – zusätzlich zu seinen anderen Gefühlen. Er würde ihr nichts abschlagen können. Das war seine schwäche. Frauen machten ihn immer weich. Besonders jetzt dieses Gesicht.
In diesem Augenblick betrat Silk die Kneipe – noch später als sonst. Diesmal wirkte er jedoch nicht nervös, sondern ganz locker und entspannt. Er schien sogar regelrecht gute Laune zu haben und das trotz des miesen Wetters.
Joris sprach weiter mit Suzella: “Wenn ihr Vater irgendwo da draußen ist, dann werde ich ihn für sie finden.”
Jetzt hatte Silk den Stammtisch erreicht: “Hallo Joris, du hast Besuch?”
“Hallo Silk.”
Joris deutete auf Suzella. “Das ist Suzella Mendez.
Dann deutete er auf Silk, während er zu Suzella sprach. “Und das ist mein bester Freund, Silk Storks.
“Hoch erfreut”, sagte Silk mit der Andeutung einer Verbeugung. Dann setzt er sich zu den beiden an den Tisch.
“Diese junge Dame braucht unbedingt unsere Hilfe”, sagte Joris zu Silk.
“Ich denke, die sollten wir ihr geben. Wir sollten diese goldene Stadt finden mit samt ihrem Vater”, entgegnete Silk.
Joris war in diesem Moment so sehr gefangen, dass er fast nichts bemerkt hätte. Goldene Stadt? Vater finden? Woher weiss Silk das?
Joris überlegte einen Augenblick, zögerte, aber dann sprang er von seinem Stuhl und ging einen Stück nach hinten: “Was wird hier gespielt? Was soll das alles?”
Silk konnte nicht lügen: “Äh, ja, äh, also ich hatte gedacht, so könnte ich dich dazu bringen, mal endlich wieder loszuziehen und ein Abenteuer zu erleben.”
Joris war wütend: “Das wäre dir auch fast gelungen mit diesem hinterhältigen Trick. Aber so einfach kann man mich nicht reinlegen.”
Normalerweise schon, aber Silk hatte es eindeutig vermasselt.
Während Joris Silk anschrie, schlich sich Suzella aus der Kneipe.
“Aber du hörst mir ja sonst nie richtig zu”, versuchte sich Silk zu verteidigen.
“Das ist ja auch nie was wirkliches, was du da anschleppst, alles nur Mythen und Legenden und falsche Hinweise und …”
“Aber diesmal ist mehr dran.”
So schnell wie Joris wütend geworden war, so schnell beruhigte er sich auch wieder. Streit war nicht wirklich sein Ding.
“Du meinst die Sache mit dem Vater dieser hübschen Dame hier?”
Erst jetzt fiel Joris auf, dass Suzella nicht mehr da war.
“Wo ist sie denn hin?”
“Nein, das mit Suzella war natürlich nur ein Trick. Aber ich habe hier etwas anderes.”
Silk griff in seine Tasche und zog einen goldenen Ring hervor.
“Schau dir das mal an.”
Joris nahm den Ring und begutachtete ihn.
“Das ist ein goldener Ring mit einem Bild drauf.”
“Die goldene Stadt”, erklärte Silk und fügte hinzu: “Aber da ist noch mehr. Schau mal innen. Da ist noch eine Inschrift.”
Joris schaute sich den Ring von Innen an und sah tatsächlich Schriftzeichen.
“Und, was bedeutet das?”
“Die Inschrift? Ich weiss nicht, aber der Händler, von dem ich den Ring habe sagte, der Ring sei aus der goldenen Stadt.”
“Die goldene Stadt?” Das kommt mir irgendwie bekannt vor … ja, ich erinnere mich, von früher.”
Joris machte eine kurze Pause: “Davon hat mein Vater immer geredet, als Gute-Nacht-Geschichte. Das ist wirklich alles quatsch, nur ein Hirngespinst.”
“Aber der Ring. Schau doch mal genau auf das Bild. Das ist die goldene Stadt. Das ist mehr als eine Gute-Nacht-Geschichte. An der Sache ist wirklich was dran.”
Joris schaute sich den Ring nochmal an, noch etwas genauer. Er sah wirklich echt aus. Jedenfalls war er echt aus Gold.
“Hm, da mag was dran sein. Der Ring scheint echt zu sein, aber ich bin nicht mehr so fit, ich kann sowas nicht mehr. Das Alter macht mir einfach zu schaffen.”
“Stell dich nicht so an. Wenn ich noch kann, dann kannst du wohl auch noch”, meinte Silk.
“Nein, nein, ich bin immerhin viel älter als du.”
“Von deinem Gedächtnis her mag man das vielleicht meinen. Ich bin nämlich ein Jahr älter als du, du bist der Jüngere.”
“Aber mein Rücken macht mir immer wieder zu schaffen”, führte Joris ins Feld.
“Jetzt fang bloß nicht wieder mit deinem Rücken an”, sagte Silk empört, “Ich finde das einzige, was dir fehlt ist mal ordentlich Bewegung. Und da wäre das doch genau das richtige.”
“Das sehe ich nicht so. Ich denke, wir sollten die Sache einfach vergessen. Und außerdem muss ich jetzt los. Ich habe noch zu tun.”
“Versuch nicht, dich rauszureden.”
“Vergiss es, unsere Zeit ist einfach vorbei. Sieh es endlich ein. So, und nun muss ich wirklich gehen.”
Joris stand einfach auf und verliess schnurstracks die Kneipe. Er ließ nicht mehr mit sich reden, noch sich irgendwie aufhalten.
Silk blieb noch einige Zeit sitzen  und bestellte sich ein Bier.
Beinahe hätte es geklappt. Doch er hatte es leider vermasselt. Groß Vorwürfe macht er sich jedoch nicht. Er musste eher über Joris nachdenken. Er verstand seine Freund nicht. Er wusste nicht was mit Joris los war. Damals vor fünf Jahren wollten sie nur einen Monat hier in Arapek bleiben. Doch dann fing das mit dem Rücken an. Mittlerweile sind aus dem einen Monat fünf Jahre geworden und es sah so aus, als würden da noch weitere hinzukommen. So sehr sich Silk den Kopf zerbrach, er kam hier einfach nicht weiter. Er verstand das alles nicht, hatte es von Anfang an nicht verstanden.
***
Nach Verlassen der Kneipe schlenderte Joris durch die Straßen von Arapek. Der Regen störte ihn nicht. Er lief einfach weiter und dachte nach.
Beinahe hätte Silk ihn überredet. Joris war eben immer noch nicht vorsichtig genug geworden. In dieser Sache hatte er sich nicht geändert. Aber sonst war er nicht derselbe wie damals. Joris war sich selbst nicht völlig im Klaren darüber, was vor fünf Jahren geschehen war. Er hatte diese Gedanken immer aus seinem Sinn verbannen wollen und darüber sprechen war das letzte, was er wollte. Er wollte einfach nur vergessen.
Nach einiger Zeit hörte es dann schließlich auf zu regnen und der Himmel heiterte sich wieder auf. Der Duft von Regen lag noch in der Luft und die Straßen waren jetzt matschig.
Joris strich sich durch die feuchten Haare und machte sich auf den Weg nach Hause. Er wollte sich jetzt erst einmal hinlegen und etwas ausruhen.
Die Straßen waren immer noch leer. Gleich würde Joris zu Hause sein. Nur noch um die nächste Ecke.
Doch da blieb Joris stehen. In ihm regte sich was. Etwas, das er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Irgend etwas war hier nicht in Ordnung. Ein Geruch kam an seine Nase, ein Geruch von Parfum. Joris musste sich beherrschen, um nicht zu husten.
Dieses Parfum hatte er seit Jahren nicht mehr gerochen, seit mehr als fünf Jahren. Jetzt war Joris in Alarmbereitschaft. Er schlich sich an die Hausecke und spähte vorsichtig um dieselbe.
Er konnte seinen Hauseingang sehen. Vor seiner Tür standen zwei breite Kerle. Er kannte sie nicht, wußte aber genau, wer sie waren. Ihr Aussehen verriet alles. Sie trugen eine graue Uniform mit einem schwarzen Wappen, einen roten Umhang und einen Helm mit einer roten Feder. An einem Gürtel baumelte ein Kurzschwert, worauf sie ihre Hand hielten – allzeit bereit.
Man hatte ihn gefunden – nach all den Jahren. Joris hatte gedacht, hier seine Ruhe zu finden, aber das war nun vorbei. In sein Haus konnte er nicht mehr. Er konnte hier nicht bleiben. Wahrscheinlich musste er sogar Arapek verlassen. Das wäre das beste.
“Hallo Joris, altes Haus”, rief hinter ihm eine Stimme. Es war sein Nachbar Eldikt.
Die beiden Typen vor Joris Tür hatten das Rufen ebenfalls gehört und waren auf ihn aufmerksam geworden.
“Da ist er”, rief einer der beiden, “los den holen wir uns.”
Die beiden kamen auf Joris zu. Dieser ließ seine Maisbrote fallen und rannte los. Daher hätte er beinahe Eldikt umgerannt.
“Hey Joris, was ist den  los?”
Joris ignorierte Eldikt und lief weiter. Die beiden Kerle, die ihn verfolgten waren nicht so gut wie Joris. Sie liefen Eldikt über den Haufen. Sie kamen ins stolpern und das bremste sie ein wenig.
“Was soll denn das”, beschwerte sich Eldikt.
Joris schaute sich kurz um, um zu sehen wie die Sache stand. Seine Verfolger hatten sich sofort aufgerafft und die Verfolgung fortgesetzt.
Jetzt zogen sie sogar ihre Schwerter. Aber diese fürchtete er nicht. Denn von diesen würden sie keinen Gebrauch machen. Das wusste er, oder glaubte es zumindest zu wissen. Jedenfalls würde das seiner Meinung nach keinen Sinn ergeben. Er hatte nämlich in Erinnerung, dass sie ihn lebend wollten, zumindest damals.
Nun machten sich die letzten fünf Jahre und damit das mangelnde Training bemerkbar. Zwar machte Joris im Augenblick sein Rücken nicht zu schaffen, aber trotzdem war er nicht gerade gut drauf. Seine Verfolger waren eindeutig besser in Form als er. Jedoch wirkten sich die matschigen und damit auch rutschigen für alle nachteilig aus. Der einzige Vorteil, den Joris hatte, war, dass er sich in Arapek auskannte und die anderen nicht, da sie nicht von hier waren.
Joris versuchte seinen Vorteil auszunutzen, indem er öfters abbog und sich zwischen den Häusern durchschlängelte. Allerdings spielten die schlammigen Straßen noch mehr gegen ihn, da so seine Spuren leicht zu verfolgen waren.
Bis jetzt hatte Joris noch einen sicheren Abstand. Verfolgt jagte er durch die Straßen und versuchte seinen Vorsprung auszubauen. Sein Ziel war auch schon sicher. Aber bevor er zu Silk wollte er die Kerle auch richtig loswerden.
Joris bog um eine Ecke in eine Gasse ein. Da überkam ihn ein Schock. So gut kannte er Arapek wohl doch nicht. Er war in einer Sackgasse. Der Weg endete vor einem mannshohen Zaun, an dem einige Kisten Standen. Was sollte er jetzt tun?
Die beiden Verfolger bogen um die Ecke. Als sie näher kamen, sahen sie irgendwie bedrohlich aus mit ihren gezückten Schwertern.
Joris musst über den Zaun. Er stieg hastig auf die Kisten und versuchte über den Zaun zu klettern. Er verfluchte innerlich seinen Bauch und seine schlechte Kondition.
Joris hing auf dem Zaun, als die beiden Kerle ihn erreichten. Der eine holte mit dem Schwert aus. Joris ließ sich auf die andere Seite fallen und das Schwert traf den Zaun, wo kurz zuvor sein Bein gewesen war. Vielleicht wollten sie ihn ja doch nicht mehr lebend oder das war dem Typen einfach so herausgerutscht. Joris wollte jetzt aber nicht auf eine Antwort warten.
Es war noch nicht vorbei. Joris musste weiter. Die zwei würden auch über ihn den Zaun kommen und ihn weiter verfolgen.
Joris stand auf, rieb sich die Stelle, auf die er gefallen war und lief weiter. Vielleicht hatte er ja durch den Zaun doch etwas Zeit gewonnen.
Als Joris hinter der nächsten Ecke verschwand, waren seine Verfolger noch nicht zu sehen. Vielleicht war er ihnen zu plötzlich entkommen am Zaun oder sie waren noch schlechter im Klettern als er. Auf jeden Fall hatte er jetzt einen vernünftigen Vorsprung und sogar die Möglichkeit, sie abzuhängen. Er musste nur noch so verschwinden, dass seine Spuren nicht mehr zu verfolgen wären.
Nachdem Joris sich in eine Gegend von Arapek begeben hatte, die selbst zu solchen Zeiten und so einem schlechten Wetter stärker belebt war, war er in der Lage, seine Spuren in der Masse verschwinden zu lassen.
Nach dieser übermäßigen Anstrengung musste er sich erst einmal ausruhen. So lehnte er sich an eine Hauswand und legte eine kleine Verschnaufpause ein. Solche Sachen war er nicht mehr gewohnt nach all den Jahren. Das einzige, was noch genauso funktionierte wie damals, war sein Gefahrensinn – zum Glück.
Joris hatte nicht mehr damit gerechnet, dass man ihn nach fünf Jahren hier in Arapek finden würde, geschweige denn überhaupt so lange nach ihm suchen würde.
Hier in Arapek würde er nun nicht mehr sicher sein. Dann konnte er genauso gut mit Silk in ein neues Abenteuer losziehen, aber auf jeden Fall weg von hier.
Nachdem sich Joris einigermaßen erholt hatte von dieser Verfolgungsjagd, ging er sofort, aber vorsichtig, zu Silk. Unterwegs hatte er keine unliebsamen Begegnungen.
Joris klopfte an Silks Haustür und wartete. Kurz darauf kam auch schon Silk, jedoch nicht aus seinem Haus, sondern zu seinem Haus.
“Hallo Joris. Was machst du denn auf einmal hier. Ich dachte, du hast keine Zeit. Oder hast du es dir etwa doch anders überlegt. Und wie siehst du überhaupt aus?”
Joris sah ein wenig schlammbespritzt aus, vor allem seine Hose. Aber auch sein Hemd und seine Weste hatten etwas abbekommen.
“Aber lass uns erst mal reingehen”, sagte Silk noch.
Er öffnete die Tür und die beiden traten in die bescheiden eingerichtete Wohnung ein. Hier gab es einen Tisch mit Stühlen, einen großen massiven Schrank und eine kleine Kochnische.
An den Wänden hingen einige Regale, auf denen verschieden Dinge, überwiegend Gerümpel, aber vielleicht auch einige wichtige Sachen, lagen. Einige davon kannte Joris, so zum Beispiel die Vase, die ihm Silk gestern gezeigt hatte.
“Also, was is nu?” fing Silk noch mal an.
“Sie haben mich gefunden”, antwortete Joris.
“Wer hat dich gefunden?” wollte Silk nun wissen.
Joris fiel nun ein, dass Silk die Geschichte gar nicht ganz kannte, und dass er eigentlich auch gar keine Lust hatte, darüber zu sprechen.
“Du hast recht gehabt, Silk. Wir können hier doch nicht ewig bleiben. Ich hab’s mir also anders überlegt. Wir sollten wieder losziehen.”
“Jetzt auf einmal?”
Silk war nun doch ein wenig misstrauisch.
“Ich hab noch mal über alles nachgedacht. Ich hab wohl in der Kneipe etwas überreagiert. Das war nur wegen diesem Trick. Aber wenn ich nun so an den Ring denke, der sah wirklich echt aus. Ich nehme an, an der Sache mit der goldenen Stadt ist etwas dran. Wir sollten uns auf die Suche begeben.”
Jetzt war Silks Misstrauen erstickt, denn sein Lieblingsthema war angesprochen worden. Jetzt würde endlich mal wieder was passieren.
“Und wann geht’s los?” wollte Silk jetzt noch wissen.
“Praktisch sofort.”
Silk war jetzt wieder so aufgeregt, wie in der Kneipe, wenn er versuchte Joris zu überreden. Er lief rüber zum Bett und sank auf die Knie.
“Hier hab ich all unsere Sachen von damals aufbewahrt. Ich denke, die werden wir brauchen”, meinte Silk als er einige Bündel unterm Bett hervorkramte.
Joris kam nun zu ihm rüber und ging ebenfalls auf die Knie. Er öffnete ein längliches Bündel. Darin befand sich ein Schwert mit einer mit Rosen verzierten Scheide. Daneben lag ein schlichter Stab. Beide Teile befanden sich in einem guten Zustand. Joris nahm den Stab, stand auf und machte einige Übungen damit, Drehen, Schlagen, Stoßen und andere Dinge.
Als Wanderstab würde er ihm gute Dienste erweisen, dachte Joris.
“hier, zieh dir deine Lederrüstung an”, sagte Silk und warf ihm ein Bündel zu.
Joris ließ seinen Stab fallen und fing das Bündel auf. Dann packte er es aus.
“Meine gute alte Lederrüstung. Mal schauen, ob die noch passt.”
Joris machte sich sofort daran, seine Lederrüstung anzuziehen. Doch er hatte einige Probleme dabei.
“Fehlanzeige, da komm ich nicht mehr rein – zu dick.”
“Meine passt noch gut”, sagte Silk, der sich bereits seine Lederrüstung übergezogen hatte, “Für dich müssen wir sehen, ob wir noch was anderes finden, aber fürs Erste muss es so gehen. Hier hab ich noch ein paar andere Sachen und unsere Reisekasse.”
Silk hielt einen Beutel hoch.
“Na gut, dann kann’s ja losgehen”, meinte Joris.
“Aber wo fangen wir an”, warf Silk ein.
“Bei dem einzigen Hinweis, den wir haben, bei dem Ring, den du mir gezeigt hast. Wo hast du den überhaupt her?”
“Den hab ich gestern von einem reisenden Händler unten am Markt gekauft.”
“Und wo hatte der den her?”
“Das weiss ich nicht, ich hab ihn nicht gefragt.”
“Dann sollten wir das erst mal tun. Los, lass uns zum Markt gehen.”
“Das würde nichts bringen. Der Händler wollte heute morgen direkt weiter ziehen nach Barndack. Der ist längst weg.”
“Dann müssen wir eben hinterher. Der ist schließlich unser einziger Anhaltspunkt. Am besten besorgen wir uns Pferde, damit wir ihn auch erwischen”, schlug Joris vor.
“Na dann los.”
***
“Ich dachte, wir wollten uns Pferde besorgen”, meinte Joris.
“Aber das sind doch Pferde”, verteidigte sich Silk.
“Pferde?” Ackergäule. Ackergäule sind das, aber doch keine vernünftigen Pferde.”
“Aber auf jeden Fall werden wir so den Händler einholen. Der ist mit seinem Wagen bestimmt nicht so schnell”, fügte Silk noch zu seiner Verteidigung hinzu.
“Man hätte die Angelegenheit doch aber bestimmt eleganter lösen können. Und schnell sind wir ja wohl auch nicht”, beklagte sich Joris.
“Aber die Pferde waren billig und aushalten tun sie auch einiges.”
“Geizhals.”
Darauf sagte Silk nichts mehr. Und auch Joris schwieg. Die beiden ritten oder bewegten sich nebeneinander auf der Straße weiter. Die Sonne schien jetzt und es sah nicht mehr so grau aus. Sie hatten gerade Arapek verlassen und ritten nun auf der Straße nach Nordwesten Richtung Barndack.
Joris war froh, dass sie sicher aus der Stadt gekommen waren. Silk hatte nichts von Joris Unruhe bemerkt, da er viel zu sehr mit ihrem neuen Abenteuer beschäftigt war.
Im Nachhinein überlegt, wusste Joris gar nicht, was er hier tat. Gut, man könnte sagen, er wäre auf der Flucht. Denn wäre er noch länger in Arapek geblieben, hätte man ihn früher oder später erwischt. Über Silk, Börek oder Olaf hätte man ihn gefunden. Aber über kurz oder lang würden sie auch merken, dass er nicht mehr da war und dann würden sie ihn weiter suchen. Nur Gott weiß, wie sie es geschafft hatten, ihn in Arapek aufzuspüren nach all den Jahren. Und vielleicht würden sie ihn auch wieder finden. Aber warum hatte er sich nun mit Silk auf die Suche nach der goldenen Stadt begeben, ja warum hatte er sich in ein neues Abenteuer gestürzt. Ja nur durch so was war es damals dazu gekommen, dass man ihn gejagt hatte. Irgendwie war das alles lächerlich, die Jagd und seine Flucht.
“Was habe ich dir gesagt”, fing Silk an und riss Joris aus seinen Gedanken, “wir werden den Händler einholen. Da vorne ist er nämlich schon. Er hat eine Pause eingelegt.”
Von weiten konnten die beiden den Wagen des Händlers sehen. Er stand etwas schräg auf der Straße, gerade so, dass das Zugpferd am Straßenrand grasen konnte. Silk und Joris näherten sich dem Wagen weiter.
“Für mich sieht das so aus, als ob er gerade dabei ist, seine Waren zu sortieren”, meinte Joris, währen sie noch näher an das Gefährt des Händlers rankamen.
Rund um den Wagen lagen Waren verstreut, Teppiche, Körbe, Lampen und andere Dinge.
Silk und Joris ritten vorsichtig zwischen den Waren hindurch zum Vorderteil der Kutsche. Dort saß der Händler und starrte auf den Weg.
“Guten Tag”, sagte Silk zum Händler, “vielleicht können sie sich noch an mich erinnern. Ich habe gestern von ihnen einen Ring erworben.”
Der Händler reagierte nicht.
Joris stieg von seinem Pferd oder besser gesagt Ackergaul und stieß den Händler an. Der Händler fiel von seinem Kutschbock auf die Erde. In seiner Seite steckte ein Messer. Er war tot.
“Ich fürchte, er erinnert sich nicht mehr an dich”, sagte Joris zu Silk, “er ist tot, mausetot. Wurde wahrscheinlich von Räubern überfallen.”
Silk stieg nun auch von seinem Pferd und schaute sich um. Er stieg auf den Wagen und sah ins Innere.
“Für mich sieht das aber anders aus”, sagte Silk.
“Egal, aber auf jeden Fall wird er uns nicht sagen können, wo der Ring herkam.”
“Der Mörder war mit ihm auf der Kutsche. Vielleicht kannte er ihn sogar.”
“Das ist jetzt uninteressant und hilft uns nicht weiter.”
“Der Mörder hat was ganz bestimmtes gesucht. Der ganze Wagen ist durchwühlt.”
“Klar, er hat das Geld gesucht”, entgegnete Joris und kam zu Silk in die Kutsche, “aber das ist doch völlig unwichtig für uns.”
“Schau dir mal die Waren an”, sagte Silk weiter.
Joris schaute sich um.
“Was soll damit sein?”
“Wonach sehen sie aus?” hakte Silk weiter nach.
“Nach Dingen, die ein Händler so verkauft.”
“Das wohl, aber das hier sind keine heimischen Waren. Die Dinge sehen so aus, als ob sie vom Südkontinent kommen würden.”
“Na und?”
Joris verstand nicht, worauf Silk hinaus wollte.
“Der Händler bezog seine Waren vom Südkontinent und daher muss auch der Ring von da sein.”
Silk hielt ein Pergament hoch.
“Und ich weiß auch genau woher”, triumphierte Silk. “Hier steht’s: Harak ibn Sallam, Bag’Adad.”
So zwingend logisch fand Joris das zwar alles nicht, aber ihm war es auch egal.
“Dann müssen also nach Bag’Adad und diesen Harak ibn Sallam finden. Am besten reiten wir nach Werthafen. Das ist die nächste Hafenstadt. Dort müssen wir uns ein Schiff suchen.”
“Und was machen wir mit dem”, wollte Silk wissen.
“Damit muss er selber fertig werden. Er hatte schließlich keine Schaufeln in seinem Sortiment und so viel Zeit haben wir nicht. Wir müssen jetzt nach Werthafen.
***
Der Weg nach Werthafen war weit und mittlerweile war es Abend. Heute hätten Silk und Joris ihr Ziel nicht mehr erreicht. Deshalb hatten sie in einem Waldstück zwischen Arapek und Werthafen ein Lager aufgeschlagen.
Nun saßen die beiden Freunde an einem wärmendem Feuer und aßen Brot, Käse und Wurst. Das Feuer knisterte und es duftete nach verbranntem Holz.
“Das ist doch mal wieder was, eine Nacht unter freiem Himmel, draußen in der Natur”, fing Silk an während er sich gemütlich zurücklehnte.
Joris war von der ganzen Sache nicht so begeistert. Doch das zeigte er nicht so. Statt dessen lenkte er vom Thema ab: “Wenn wir morgen in Werthafen sind, sollten wir erst mal diese Gäule loswerden und uns dann um eine Überfahrt nach Bag’Adad bemühen. Hoffentlich geht bald ein Schiff in diese Richtung. Sonst müssen wir da noch lange in Werthafen rumhängen.”
“Und wie geht’s dann weiter, wenn wir erst mal in Bag’Adad sind?”
Joris und Silk unterhielten sich noch über ihre Pläne weiter, wobei sie ihr Abendessen beendeten. Anschließend machten sie es sich gemütlich für die Nacht, soweit das möglich war. Silk war vollauf zufrieden, doch Joris fragte sich, wie all dies wohl für seinen Rücken wäre. Schließlich fand er auch eine Position, in der er wenigstens schon mal einschlafen konnte.
***
Joris stand mit seiner Lederrüstung in einem dunklen Gang. Das einzige Licht lieferte eine Fackel, die er in der linken Hand hielt. In der anderen hielt er seinen Stab fest umklammert.
Da ertönte wieder dieser Schrei: “Hilfe! Hilfe!”
Dort rief eine Frau um Hilfe. Joris musste ihr helfen. Er war ihre einzige Rettung. Joris lief ohne zu zögern in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Nach einiger Zeit erreichte er dann eine Kreuzung. Er blieb stehen. Welcher Weg ist nun der richtige. Er überlegte.
Abermals erklang der Hilferuf: “Hilfe! Hilfe!”
Nun hatte sich Joris entschieden, welchen Weg er einschlagen sollte. Er lief den rechten Gang hinunter. Am Ende des Ganges war ein Licht zu erkennen.
Vorsichtig ging Joris weiter bis der Gang zu Ende war und er einen Raum betrat, in dem zwei brennenden Leuchter standen. An einer Wand hing eine schöne Frau mit blonden Haaren. Sie trug ein zerrissenes weißes Kleid. Sie war mit Seilen an ihren Händen und Füßen gefesselt.
Vor der Frau stand ein schwarz gekleideter Mann mit einem langen Dolch. Der Mann drehte sich um und stürmte auf Joris zu.
Joris reagierte sofort. Mit einem gezielten Schlag schlug er dem Angreifer seinen Dolch aus der Hand. Dann kam noch ein heftiger Schlag auf die Beine des Gegners. Der Mann sank zu Boden. Mit einer weiteren Schlagkombination auf Kopf und Rücken zog er den Mann völlig aus dem Verkehr. Dieser lag danach auf dem Boden und rührte sich nicht mehr.
Joris bückte sich und hob den langen, reich verzierten Dolch des dunklen Mannes auf und schnitt damit die Fesseln der Frau los. Dann trat er einen Schritt zurück.
Die Frau war nun glücklich und lächelte. Doch dann verzog sich ihr Gesicht zu einem schiefen Grinsen.
Im nächsten Augenblick fiel ein großes Netz von der Decke und Joris war gefangen. Er rang danach sich zu befreien, doch vergeblich. Er hörte nur noch Gelächter.
Dann wurde Joris aus dem Schlaf gerissen. Er befand sich im Wald. Das Feuer glühte noch, aber spendete nur wenig Licht.
Joris schreckte auf. Er hörte in der Ferne einen Wolf heulen. Danach kehrte wieder Stille ein.
Irgend etwas ging da vor sich. Das spürte Joris. Und da hörte er Holz knacken. Sofort ergriff er seinen Stab und weckte dann seinen Freund Silk.
“Silk, wach auf, da ist was.”
Silk war noch müde und war noch nicht richtig wach.
“Was ist los?” fragte er verschlafen und gähnte.
“Da ist jemand”, meinte Joris und ging vorsichtig mit seinem Stab ein Stück vom Feuer weg.
“Ja, du bist da und ich bin auch hier”, sagte Silk spöttisch, “komm lass uns noch ein wenig schlafen.”
“Aber ich hab da was gehört.”
In einem Gebüsch in der Nähe raschelte es.
Silk griff sofort nach seinem Schwert und sprang auf. Joris pirschte sich an das Gebüsch heran. Silk war dicht hinter ihm. Vorsichtig gingen sie näher ran.
Als sie schon fast da waren sprang ein Hase aus dem Strauch und suchte das Weite.
“Da war ja ein riesiges Monster in dem Gebüsch da”, meinte Silk und grinste, bloss ein Hase und du machst so einen Aufstand. Wenn du mich nicht geweckt hättest, hätte er uns beide bei lebendigem Leibe aufgefressen.”
Joris sah die Sache nicht ganz so witzig.
“Aber ich hätte schwören können, da war mehr”, behauptete er.
Im gleichen Moment heulte wieder ein Wolf in der Ferne.
“Wölfe”, meinte Silk, “ die dürften keinen Ärger machen.”
Silk ging zum Feuer rüber und fachte es erneut an, er legte noch etwas Holz drauf. Jetzt lieferte es auch wieder mehr Licht.
Joris jedoch war mit der ganzen Sache nicht zufrieden und lief um ihr Nachtlager rum. An einer Stelle sah er etwas schemenhaft an einem Baum stehen. Die Gestalt bewegte sich nicht. Sie sah auch nicht bedrohlich aus.
Als die Gestalt Joris entdeckte, wollte sie flüchten. Doch Joris war schneller. Er stoppte ihn, indem er ihm seinen Stab zwischen die Beine warf.
Der Flüchtende fiel zu Boden und schrie auf.
Silk kam bei diesem Lärm sofort alarmiert zu Joris rübergelaufen. Als er Joris erreichte, stand dieser über einem kleinen Mann, den er mit seinem Stab am Boden hielt. Der Mann hatte eine grüne Hose und ein komisches halb grünes und halb rotes Hemd an. Er wirkte ängstlich und flehte um Gnade.
“Bitte, bitte, tut mir nichts. Finnward tut keinem was. Bitte, tut mir nichts, ich bin harmlos, ungefährlich, tut mir nichts”, schrie der Mann.
Joris war überzeugt, dass von ihm keine Gefahr ausging und nahm seinen Stab weg.
Finnward stand auf und wirkte nun weniger ängstlich.
“Warum hast du dich so angeschlichen”, wollte Joris von Finnward wissen.
“Bitte, bitte, ihr müsst mir helfen. Finnward ist in Gefahr. Bitte, helft mir.”
“Warum bist du in Gefahr?” fragte Silk, der sich auf sein Schwert gestützt hatte.
Wieder heulte ein Wolf, aber diesmal näher. Finnward zuckte zusammen.
“Bitte, bitte, helft mir. Finnward wird verfolgt. Ich muss weg, ich muss in Sicherheit.”
“Wer verfolgt dich?” forschte Joris nach.
“Böse Männer”, antwortete Finnward schlicht.
“Gut, wir können dich mit nach Werthafen nehmen”, schlug Joris vor.
“Er reitet dann aber mit dir”, meinte Silk und fügte hinzu: “Jetzt, wo das geklärt wäre, können wir ja noch ne Runde schlafen.”
“Keine Zeit, keine Zeit”, protestierte Finnward.
“Warum?” Silk wollte noch etwas schlafen und sah gar nicht ein, dass sie sofort weiter mussten.
“Aber er hat recht”, entgegnete Joris, “wenn wir noch länger hier bleiben, erwischen sie ihn.”
“Genau, genau”, bekräftigte Finnward.
“Wenn’s denn unbedingt sein muss”, sagt Silk und lief widerwillig zur Feuerstelle rüber.
“Wir könnten ihn ja auch alleine weiterschicken”, sagte Silk leise zu sich selbst.
Joris kam auch zur Lagerstelle und packte seine Sachen zusammen. Dann löschten sie noch das Feuer und stiegen auf ihre Ackergäule.
***
Als es schon wieder hell war, erreichten die drei Werthafen. Der Ort war erheblich kleiner als Arapek. Aber hier gab es wenigstens einen Hafen, da die Stadt an der Küste lag.
“Das ist Werthafen”, verkündete Joris.
“Von hier aus musst du wohl alleine zurechtkommen”; sagte Silk zu Finnward, “denn wir müssen von hier aus weiter. Wir wollen uns ein Schiff nehmen, um nach Bag’Adad überzusetzen.”
Finnward sprang vom Pferd. Jetzt wirkte er zum ersten Mal gelöster und nicht mehr so ängstlich.
“Finnward dankt euch, dass ihr ihm geholfen habt.”
Finnward lächelte.
“Und übrigens”, sagte er, “wie nennt man einen Zauberer, der Steine in Gold verwandeln kann?”
Joris und Silk schauten sich fragend an.
“Einen Alchimisten”, schlug Joris vor.
“Nein, einen Erzmagier.”
Finnward lachte.
“Einen Erzmagier.”
Finnward lachte noch einmal. Joris und Silk schauten sich wieder fragend an.
“Finnward dankt euch noch mal und wünscht euch alles gute.”
“Danke. Und wir wünschen dir auch noch alles gute”, sagte Joris.
“Und ich hoffe, wir treffen dich nicht wieder”, sagte Silk zu sich selbst während Finnward davonging.
“Ich hoffe, diese bösen Männer finden ihn nicht”, meinte Joris. “Finnward ist nämlich ein netter Kerl.”
“Aber im Grunde genommen irgendwie ein komischer Vogel”, ergänzte Silk noch.
“Wie dem auch sei”, entgegnete Joris, “jetzt sollten wir uns doch mal wieder mit unserem eigentlichen Ziel beschäftigen.”
“Die goldene Stadt. Ein Schiff nach Bag’Adad”, vervollständigte Silk den Gedanken.
“Genau, und zwar sollten wir erst mal versuchen, diese Pferde hier loszuwerden und dann können wir uns um ein Schiff bemühen.”
***
Schon in zwei Stunden war alles erledigt.
“Da haben wir aber doppelt Glück gehabt”, meinte Joris, “Die Gäule los und ein Schiff gefunden, das sogar schon heute Nachmittag in See sticht.”
“Aber die Pferde haben wir weit unterm Preis verkauft.”
“Was soll’s, wenigstens sind wir die los.”
“Aber so schlecht war’n sie gar nicht”, sagte Silk.
“Mir wär nur fast schlecht geworden von denen”, sagte Joris. Sofort danach legte er seine Hand auf Silks Schulter und sprach weiter: “Jetzt sollten wir uns aber erst mal ausruhen. Vielleicht finden wir ja irgendwo hier ein nettes Wirtshaus.”
“Einverstanden.”
Die beiden liefen durch die Straßen von Werthafen und machten sich auf die Suche nach einem Wirtshaus. Auf den Straßen trieben sich alle möglichen Typen rum, verhüllte Gestalten, gefährlich aussehende Kerle mit Ketten behangen und Typen mit schäbigen Klamotten.
Silk und Joris bogen um eine Ecke. In diesem Moment rannte jemand in sie rein und Joris wäre beinahe umgefallen.
“Hey, was soll das”, beschwerte sich Joris.
Joris und Silk schauten, wer da in sie reingelaufen war. Es war Finnward. Er war jetzt wieder so in Panik wie letzte Nacht.
“Die bösen Männer sind da, sie haben mich gefunden.”
Diesmal sahen sie auch, wen Finnward meinte. Ein breiter Kerl mit schwarzer Rüstung kam die Straße hinuntergelaufen und näherte sich ihnen.
Dem wollen wir jetzt aber mal Bescheid geben, dachte sich Joris und baute sich schützend vor Finnward auf. Der Kerl kam näher. Er war deutlich größer als Joris. Seine Rüstung war an der Brust mit zwei silbernen Totenköpfen versehen.
Er kam bis zu ihnen gelaufen und blieb vor Joris stehen. Joris wollte irgend etwas sagen, zum Beispiel, dass er sich verziehen soll oder so was in der Art. Doch dazu kam es nicht. Er schubste Joris einfach zur Seite, so dass er zu Boden fiel. Dann wollte er sich Finnward packen.
Nun jedoch schaltete sich auch Silk ein. Er holte aus und schlug dem Kerl mit voller Wucht ins Gesicht. Krachend stürzte dieser zu Boden und blieb liegen.
Bewundernd starrte Finnward Silk an, während dieser sich unauffällig die Hand rieb. Joris erhob sich wieder und schaute auf den breiten Typen in der schwarzen Rüstung. Dann blickte er in die Richtung, aus der dieser gekommen war. Da kamen gerade noch drei weitere von der Sorte.
“Äh, ich glaub, wir müssen weg. Da kommt noch mehr Ärger auf zwei Beinen”, machte Joris die anderen drauf aufmerksam.
Joris schob Finnward vor und gemeinsam machten sie sich an die Flucht um die Ecke.
Toll, schon wieder eine Verfolgung, dachte Joris. Das hatte ich doch schon erst gestern.
Zu dritt hetzten sie durch die Straßen von Werthafen und liefen um einige Kurven und Ecken. Auf einmal lief Finnward zur Seite in ein Haus rein, bei dem eine Tür offen stand.
“Hier rein”, rief er.
Joris blickte sich noch einmal um und lief dann Finnward hinterher. Silk folgte ebenso. Ihre Verfolger waren nicht zu sehen. Das mit dem Haus konnte klappen.
Über dem Hauseingang hing ein Schild mit der Aufschrift: “Das Loch”.
Im Haus führte eine Treppe nach unten. Die Treppe war nur schwach beleuchtet. Von unten drang Lärm hoch. Finnward lief eilig die Treppe hinunter. Silk konnte ihn nicht mehr erwischen, also liefen Joris und Silk einfach hinter ihm her.
Unten verschwand Finnward hinter einer Tür. Dahinter war es laut. Es waren einige Rufe und Gelächter zu hören. Silk und Joris gingen ebenfalls durch die Tür.
Auf der anderen Seite war ein großer Raum, der mit Menschen gefüllt war. Hier schien eine Kneipe zu sein, denn es gab eine Theke und einige Tische. Bier und noch stärkere Getränke liefen in rauen Mengen. Im “Loch” trieben sich alle möglichen und unmöglichen schrägen Typen und Angetrunkene rum.
In der Mitte des Raumes ware eine größere Menschenansammlung. Viele Leute Ringen sich um etwas und jubelten. Joris und Silk konnten nicht erkennen, was da vor sich ging. Silk sah nur gerade noch, wie Finnward in diesem Haufen verschwand. Er ging ihm hinterher.
Das Jubeln der Menge schwoll an und erreichte seinen Höhepunkt, nur um kurz danach zu verstummen. Silk schob sich durch die Menge und Joris blieb außerhalb stehen.
“Und wieder ein Sieg für den unbesiegbaren Korgus”, rief eine laute Stimme aus der Mitte der Menschenmenge. Währenddessen sah Joris, wie jemand aus dem Kreis der Leute herausgetragen wurde.
“Wer wagt es als nächstes gegen den großen Korgus anzutreten”, sprach der Schiedsrichter weiter aus der Mitte. Die Menge schien minimal zurückzuweichen.
Silk hatte nun Finnward gefunden. Er stand am inneren Rand des Ringes und starrte in die Arena auf Korgus. Dieser war nur mit einer kurzen Hose bekleidet und hatte seine Arme in die Seite gestimmt. Man konnte sagen, dass er muskulös war. Seine Arme waren breiter als Finnlands Beine. Außerdem hatte Korgus schwarzes schulterlanges Haar und ein Stirnband. Seine Haare waren nass vom Schweiß.
Finnward bemerkte Silk.
“Wer es vollbringt, Korgus zu besiegen, erhält einen Preis von 5000 Goldstücken”, rief der Schiedsrichter. Finnwards Augen wurden groß bei dem Gedanken an das Geld. Dann dachte er daran, was ihnen kurz vorher passiert war und was Silk mit seinem Verfolger getan hatte.
“Wer wagt es? 5000 Goldstücke.”
Das erneute Erwähnen der hohen Summe bewegte Finnward sehr. Er schaute kurz zu Silk und überredete ihn dann, gegen Korgus anzutreten, indem er ihn einfach in den Ring schubste.
“Ein neuer Gegner für den mächtigen Korgus”, rief der Ringrichter aus.
Sofort kam die Menge wieder näher und brach in euphorisches Jubeln aus. Silk begriff zunächst nicht, was hier los war, doch als der Schiedsrichter ihn bat, sein Schwert abzulegen, begann es ihm langsam zu dämmern.
Was nun? Sollte er gegen Korgus antreten. Der sah gefährlich und stark aus, sehr stark. Oder sollte er sich der Menge stellen, die wer weiß was mit ihm anstellen würde, wenn er sie um ihre Unterhaltung brachte. Silks Hand tat nicht mehr weh. Er überlegte sich auch, dass er ja vielleicht sogar eine Chance gegen Korgus hatte, zumindest eine größere als gegen die aufgewühlte Menschenmasse.
Silk nahm sein Schwert ab und gab es Finnward, aber nicht ohne ihm einen finsteren Blick zuzuwerfen.
“Den schaffst du doch locker”, meinte Finnward, “der hohle Klotz hat doch nichts drauf.”
Silk sagte nichts, sondern drehte sich in den Ring um. Die Menge applaudierte wieder.
“Der Kampf geht bis zum K.O. einer der beiden Kontrahenten”, rief der Ringrichter aus.
Bei diesem Satz verzog Korgus seine Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen. Silk war dabei nicht wohl zumute.
“Der Kampf kann beginnen.”
Zunächst fingen die beiden Gegner an, sich abschätzend zu umkreisen. Das Abschätzen galt eigentlich nur für Silk, aber Korgus spielte das Spiel mit.
“Los Silk, mach ihn fertig. Der hat doch nicht mehr drauf als meine Oma, der Schwachmat”, feuerte Finnward Silk an.
Silk entschloss sich zur ersten Attacke. Doch Korgus wich zur Seite, so dass er nur leicht am Arm getroffen wurde. Und sofort kam Korgus’ Antwort, die Silk einige Schritte zurücktaumeln ließ.
“Das war doch nichts”, rief Finnward, “sogar ein Eichhörnchen schlägt fester.”
Korgus kam Silk hinterher und wollte einen Schlag nachsetzen. Diesmal entging Silk dem Schlag und versetzte dem Kraftpaket einen Tritt vors Schienbein – keine Reaktion.
“Jetzt mach den Zottel nieder”, rief Finnward Silk zu.
So langsam bekam Korgus Finnwards Ausrufe mit und wurde dadurch zur Raserei getrieben. Finnward hatte sein Ziel erreicht. Jetzt müsste der Hüne wild und unkontrolliert auf Silk stürzen.
Und genau das geschah auch. Jedoch entkam Silk diesem zunächst nur knapp. Im Augenblick wirkte der ganze Kampf wie Fangen spielen.
Joris hörte die Menge jubeln und zum ersten Mal vernahm r auch Buh-Rufe. Außerdem glaubte er zu hören, dass jemand Silks Namen rief. Daher beschoss er, sich ebenfalls in die Menge zu drängeln. Finnward feuerte Silk an und sogar andere riefen Silks Namen.
Währenddessen floh Silk immer noch vor Korgus. Bis jetzt hatte er ihn noch nicht erwischt. Mit der Zeit beschloss Silk, bevor er aus der Puste sein würde, Korgus’ Unkontrolliertheit auszunutzen und selbst anzugreifen.
Bei Korgus’ nächstem Sturm wich er nur leicht zur Seite aus und setzte ihm seine beiden zusammengeballten Fäuste mit voller Wucht unters Kinn. Der Koloss schien betroffen. Er schwankte leicht. Die Meute schrie laut auf. Endlich bekamen sie wieder etwas geboten. Gleich darauf setzte Silk sein Knie nach, dem Breiten in den Magen. Das machte Korgus aber absolut nichts aus.
Jetzt konnte er auch wieder einen Treffer landen und zwar an Silks Schulter. Silk war deutlich betroffener.
Joris hatte Schwierigkeiten durch die Menschenmasse zu kommen. Von Innen hörte er Stöhnen und entsetztes Aufschreien und weiterhin hörte er, wie Silk angefeuert wurde.
Jetzt hatte Silk wohl einen Fehler gemacht, denn Korgus hatte ihn voll erwischt. Silk stürzte zu Boden. Korgus kam auf ihn zu und wollte auf ihn drauftreten, doch Silk konnte sich gerade noch wegrollen. Nach einigen weiteren vergebliche Trampelversuchen schaffte es Silk wieder, auf die Beine zu kommen. Seine Fans waren erleichtert. Er jedoch war noch etwas wackelig. Trotzdem stürmte – wenn man das so nennen konnte – er auf Korgus zu und rammte ihm seine Faust in den Magen – keine Wirkung.
“Tiefer”, rief Finnward.
Doch dazu kam es nicht mehr, Korgus’ Fäuste prallten gemeinsam mit enormer Kraft auf Silks Rücken nieder und schmetterten ihn zu Boden. Silk stand nicht mehr auf, regte sich auch nicht. Korgus griff nach unten und riss Silk vom Boden. Dann drehte er sich mehrmals und warf ihn wieder hinunter. Etwas knackte.
Joris hatte es endlich geschafft, nach Innen zu kommen und sah nun Silk am Boden liegen. Der Applaus schwoll noch ein letztes Mal an und hörte dann wieder auf.
“Und wieder ein Sieg für den unbesiegbaren Korgus.”
***
Joris und Finnward hatten es geschafft, Silk auf das Schiff nach Bag’Adad zu bringen, während dieser von Häschen auf der Wiese träumte oder einfach nur im Koma lag.
Der Kapitän, Bahar war sein Name, hatte ihnen versichert, dass sein Schiff, die Titnic, das beste im Hafen sei, unsinkbar und überhaupt das beste.
Er selbst war ein richtiger Seebär – sein Vollbart sprach für den Bären – und lebte nach dem Motto: Mein Leben für die See.
Ein Bein hatte er zumindest schon abgegeben. Aber dafür hatte er jetzt eins von diesen modischen Holzbeinen. Dies wirkte irgendwie auch beruhigend für die Passagiere, die sich unter Deck befanden. Sie konnten immer hören, dass der Kapitän noch da war.
Und so erging es auch Joris und Finnward in ihrer luxuriös eingerichteten Kabine. Für Silk, der auf dem Bett lag, machte gerade ein Häschen Männchen. Finnward hing in der Hängematte und schaukelte hin und her.
Joris setzte sich auf die Kiste, die zur Aufbewahrung der persönlichen Sachen der Passagiere diente.“Sag mal, was ist da unten eigentlich passiert?”
Finnward schaukelte weiter. Doch dann stand er auf und baute sich vor Joris auf.
“Also, das war folgendermaßen.” – Ein Häschen hoppelte quer über die Wiese, während ein anderes an einer Möhre knabberte. – “Da war dieser unwahrscheinlich große und starke Mann.” – Finnward deutete Form und Größe mit den Händen eindrucksvoll an. Da stand er, genau vor Joris.
“Also, es ging um einen einfachen Wettkampf.” – Das Häschen fing an zu buddeln. – “Also, da war dieser Kerl.” – Wieder die Geste.
“Ja, und?”
“Wer Korgus besiegt bekommt 5000 Goldstücke.”
Das Häschen hatte einen Knochen gefunden.
“Ja und da konnte Silk einfach nicht widerstehen und meldete sich.”
Ein Bellen. Ein Hund kommt und verfolgt das Häschen, das hakenschlagend flüchtet.
“Lauf!”
Silk hatte sich abrupt im Bett aufgesetzt und zur gleichen Zeit fing das Schiff an, sich zu bewegen.
Joris sprang von der Kiste auf und ging zu Silk.
“Was?”
“Wo bin ich?”
“Auf dem Weg nach Bag’Adad”, antwortete Joris.
Silk überlegte und schaute sich um. Finnward grinste. Silk überlegte noch mehr. Schließlich schüttelte er den Kopf und setzte sich dann auf die Bettkante.
“Na dann ist ja alles klar.”
“Wartet mal”, sagte Finnward, “ich kenn da einen Witz: Wie nennt man jemanden, der von einem Hai gefressen wird.”
Achselzucken.
“Haifischfutter.”
Fragende Blicke von Silk und Joris und Lachen von Finnward.
“Ih glaub, ich geh mal an Deck ein wenig Luft schnappen”, sagte Silk und stand auf.
“Gut, und ich leg mich etwas hin”, entgegnete Joris.
Finnward legte sich einfach zurück in die Hängematte.
Auf Deck konnte Silk frische Luft, Seeluft, atmen. In der Ferne konnte man noch Werthafen sehen.
“Haben sie sich wieder gut erholt”, rief der Kapitän fragend Silk zu, “Sie sind jetzt in den besten Händen. Dieses Schiff ist noch nie gesunken.” – Offensichtlich.
***
In den Docks von Werthafen standen drei Männer mit schwarzen Rüstungen und blickten aufs Meer hinaus, der Titnic hinterher.
“Was nun?”
“Ich glaube, er war auf dem Schiff.”
“Wir können nicht ohne ihn zurück”, sagte der dritte, “wir müssen ihn erwischen.”
“Sollen wir etwa hinterher schwimmen”, fragte der erste.
“Das ist immer noch angenehmer als der Zorn des Grafen”, meinte der zweite.
Ohne noch irgendwie zu zögern sprang der erste ins Wasser.
“Wir müssen einen anderen Weg finden”, beschloss der dritte und wandte sich von der See ab. Der zweite folgte ihm. Der erste strampelte unten im Wasser und hatte Glück, nicht zu erfahren, was es bedeutet, Haifischfutter zu sein. Gegen ihn sprach nur, dass er nicht schwimmen konnte.
***
Die Schiffsreise war nun schon einige Tage ereignislos verlaufen. Silk und Joris saßen gemütlich auf dem Deck und genossen den Sternenhimmel einer klaren Nacht. Finnward war damit beschäftigt, einigen Gästen seine Witze zu erzählen. Nur noch eine Frage der Zeit bis jemand sein Desinteresse deutlicher zeigen würde.
“Alleine deswegen hat sich die Reise schon gelohnt”, sagte Joris.
“Ich hab’s dir ja gesagt. Und dieser Anblick ist nur ein Bonbon oben drauf.”
“Es ist herrlich!”
Jetzt wurde gerade jemand deutlicher. Vom hinteren Teil des Decks drang kurz Lärm herüber. Darauf kam Finnward zu Silk und Joris hinübergelaufen und rieb sich das linke Auge. Im gleichen Augenblick zogen sich die Wolken zusammen und die schöne Aussicht auf den Sternenhimmel verschwand.
“Wenn der kommt, verfinstert sich sogar der Himmel”, sagte Silk leise zu Joris.
“Die haben doch keine Ahnung”, murmelte Finnward vor sich hin.
“Wisst ihr denn, wie man einen Zwerg nennt, der als Gärtner arbeitet?”
“Nein”, sagten beide gleichzeitig in einem Ton, der jedem außer Finnward gezeigt hätte, dass sie es auch nicht wissen wollten.
“Einen Gartenzwerg natürlich.”
Finnward war belustigt, trotz seines Auges.
“Es ist schon spät”, sagte Joris, “ich denke, ich gehe jetzt schlafen.”
Silk gähnt zur Bestätigung: “Du hast recht, es wird langsam Zeit.”
“Wenn ihr meint, dann gehen wir eben runter und schlafen.”
***
Joris lehnte an einem Baum und schnitzte etwas. Es war ein schöner Tag. Die Sonne schien und die Vögel zwitscherten munter.
Joris schnitzte an einer kleine Figur. Vielleicht ein Gartenzwerg oder doch etwas anderes. Sorgfältig entfernte er mit seinem Messer Holz von dem Stück.
“Joris.”
Jemand rief nach ihm. Die Stimme kam ihm vertraut vor, eine Frauenstimme. Joris blieb einfach sitzen und schnitzte weiter.
“Joris!”
“Er wurde erneut gerufen, aber diesmal bestimmter. Widerwillig erhob er sich und ging in die Richtung, aus der die Stimme kam. Die Figur und das Messer hielt er immer noch in den Händen.
Joris lief gemütlich durch den Wald und genoss die schöne Umgebung.
Nach einiger Zeit kam er an eine Hütte im Wald. Joris blieb stehen. Dann ging die Tür auf und eine junge Frau mit langen blonden Haaren trat heraus. Sie kam ihm bekannt vor, aber er konnte sie nicht genau einordnen.
“Da bist du ja endlich, Joris. Ich habe dich schon zehnmal gerufen.”
“Ich …”
“Du hast deine Zeit wieder sinnlos vertan”, fuhr sie ihn zornig an.
Joris steckte die Figur und sein Messer weg.
“Denkst du etwa, die Arbeit tut sich von alleine oder ein Zwerg kommt vorbei und erledigt sie für dich?”
“Nein.”
“Na also, worauf wartest du noch, geh endlich Holz hacken!”
Ohne Widerworte zu geben machte sich Joris auf den Weg und ging hinters Haus. Dort befand sich ein Klotz, in dem eine Axt steckte. Daneben lag ein enorm großer Stapel Holzscheite.
Joris gig zum Klotz und zog die Axt heraus. Dann nahm er sich den ersten Holzscheit und legte ihn auf den Klotz.
“Mach hin!”
Joris holte aus und spaltete das Holz.
Ein Donner durchriss die Stille der Nacht. Sofort wurde Joris aus dem Schlaf und somit aus seinem Traum und weg von seiner Axt gerissen. Es wäre noch so viel Holz zu hacken gewesen. Doch jetzt war er wach.
Das Schiff schwankte stark hin und her. Silk schlief noch tief und fest in der Hängematte, die ebenfalls heftig hin und her wankte.
Finnward beendete gerade unsanft seinen Schlaf, als er von der starken Bewegung gegen die Wand geschleudert wurde.
“Was soll das”, beklagte er sich, “was ist los?”
“Ein Unwetter.”
“Da kann man ja gar nicht mehr schlafen.”
“Der Kapitän hat bestimmt alles unter Kontrolle.”
Joris hatte gerade den Satz beendet, als auf Deck ein Krachen zu hören war, aber kein Donnern.
Jetzt wurde auch Silk wach.
“Was soll der Lärm?” fragte Silk noch etwas verschlafen.
“Ein Unwetter”, verkündete Finnward, “aber der Kapitän hat alles unter Kontrolle.”
Schreie von oben.
“Er arbeitet dran”, meinte Joris.
Schreie von unten.
“Wir müssen etwas tun”, eröffnete Silk.
“Aber was?” wollte Joris wissen.
“Ich weiss nicht. Vielleicht helfen, etwas Ballast über Bord zu werfen.”
Silk schielte zu Finnward rüber.
“Aber auf jeden Fall hier raus. Zumindest uns in die Nähe der Rettungsbote bringen.”
Die drei stürmten zur Kabinentür hinaus.
Draussen auf dem Gang herrschte Chaos, Panik. Einer der Matrosen versuchte die Passagiere zu beruhigen.
“Nur die Ruhe bewahren. Es besteht kein Grund zur Beunruhigung.”
Das sahen sie Passagiere allerdings anders. Sie fanden es schonziemlich beunruhigend, die Aussicht zu haben zu ertrinken. Sie waren ja schließlich auch keine Seeleute.
“Wir haben alles unter Kontrolle.”
Es konnte ja sein, dass sie das Schiff unter Kontrolle hatten, aber die Passagiere auf gar keinen Fall, denn diese rannten gerade den Matrosen um und versuchten an Deck zu kommen.
Joris, Silk und Finnward waren noch unten, als die Titnic in eine leichte Schräglage überging. Schnell kämpften sie sich an Deck. Hier bot sich ihnen ein schlimmer Anblick. Alle drei Masten waren gebrochen. Von Rettungsboten und Passagieren war keine Spur. Es war nur der Kapitän zu sehen, der am Steuerruder hing und weiter gegen den Sturm kämpfte. Eine Welle schwappte über Deck und machte die drei nass.
“Es ist alles unter Kontrolle. Dieses Schiff ist noch nie gesunken”, rief Bahar.
Silk, Joris und Finnward klammerten sich an der Reling fest. Dann wurde das Schiff entzweigerissen.
“Die Titnic ist unsinkbar”, schrie der Kapitän.
***
“Was soll das heißen, er ist nirgendwo zu finden”, beschwerte sich die blondhaarige Frau. Sie trug ein rotes Kleid mit weißen Rändern. Sie hatte eine goldene Kette und mehrere Ringe an ihren Fingern. Sie saß gemütlich in einem Sessel und unterhielt sich mit zwei Männern in grauen Uniformen und roten Umhängen.
“Sein Bäcker hat ihn schon seit mehreren Tagen nicht mehr gesehen und in seiner Stammkneipe war er auch nicht mehr. Der Wirt hat ihn das letzte Mal an dem Tag gesehen, als diese Frau in die Kneipe kam und sich mit ihm unterhalten hatte. Anschließend hatte er sich mit seinem Freund gestritten und die Kneipe verlassen.”
“Was ist mit diesem Freund?”
“Von dem ist auch keine Spur zu finden.”
“Und die Frau?”
Jetzt meldete sich der andere zu Wort: “Die konnten wir aufspüren. Wir haben auch schon mit ihr gesprochen. Sie sagt, sie kennt ihn nicht. Sie meinte, der Freund von ihm hatte sie gebeten, ihn zu überreden, eine goldene Stadt zu suchen.”
“Und, hat es geklappt?”
“Sie behauptete, die Sache wäre schiefgegangen.”
“Vielleicht aber auch nicht”, sagte die Frau und grinste, “wenn ich mich nicht täusche, dann müssen wir nur diese goldene Stadt finden und wir finden auch ihn.”
***
Als Silk erwachte, musste er husten.
Das letzte, woran er sich erinnern konnte war, dass sie auf diesem Schiff waren. Dann kam dieser Sturm. Er war mit Finnward auf dem Deck gewesen und Joris war direkt hinter ihnen. Danach muss das Schiff wohl gesunken sein.
Silk schaute sich nun erst mal um. Er war an einem Sandstrand. Dieser war übersät mit Wrackteilen. Ein Stückchen weiter lag jemand im Sand. Silk lief zu ihm rüber. Es war Finnward. Er schaute weiter. Sonst war niemand mehr da. Von Joris war keine Spur.
So half Silk erst mal Finnward, wieder auf die Beine zu kommen.
“Was ist los? Wo bin ich?” sagte Finnward etwas benommen.
Silk half ihm mit ein paar Ohrfeigen – diesen Teil genoss er komischerweise irgendwie – um wieder zu Sinnen zu kommen.
“Was ist passiert? Wo sind wir?” fragte Finnward nun im wachen, klaren Zustand und stand auf.
“Das Schiff ist gesunken und anscheinend haben nur wir beide überlebt und sind nun hier. Wo immer hier nun sein mag.”
Silk ließ seine Blicke schweifen, über den Strand und hin zum Meer. Aber vom Meer war nicht viel zu sehen. Nach ungefähr 100 Meeren wurde sein Blick von einer Nebelwand blockiert, die so dicht war, dass man meinen konnte, dass Blicke nicht das einzige wären, dass dort nicht hindurch konnte.
“Wir sind in einer Gegend mit sehr dichtem Nebel vor der Küste. So viel ist sicher”, bemerkte Silk.
“In der anderen Richtung sieht es dafür aber schöner aus”, meinte Finnward.
Silk drehte sich um und blickte ins Landesinnere. Da waren Palmen, jede Menge Palmen und weiter weg vom Strand auch noch andere Bäume. Und noch weiter weg erhob sich ein hoher Berg.
“Unter anderen Umständen würde es mir hier gefallen”, sagte Silk.
Im gleichen Augenblick erschienen in der Ferne einige Gestalten hinter den Bäumen. Instinktiv griff Silk nach seinem Schwert. Doch es war nicht da.
“Wir bekommen Besuch”, sagte Finnward ganz ruhig.
Die Gestalten kamen näher.
“Das sehe ich selber.”
Silk schaute sich panisch nach einer Waffe am Strand um.
“Die sehen aber friedlich aus”, behauptete Finnward. Es war eine Gruppe von zehn Personen, sechs davon sahen aus wie Frauen und vier wie Männer. Ihre Kleidung deutete darauf hin. Die vier waren nur unten rum bekleidet mit Gebilden aus langen dünnen Blättern. Die anderen sechs hatten ferner noch ein Oberteil aus Blättern. Jedenfalls sah das ganze so aus. Zwei der Frauen trugen Körbe und die anderen irgendwelche langen bunten Dinger. Das, was die Männer bei sich hatten, konnten vielleicht als Waffen durchgehen, lange Holzstäbe. Aber alles in allem wirkten sie wirklich nicht bedrohlich.
“Du hast recht, die sehen tatsächlich friedlich aus. Aber wir sollten dennoch vorsichtig sein.”
Die Gruppe erreichte nach einiger Zeit die beiden. Sie hatten eine etwas dunklere Hautfarbe als Silk und Finnward, waren hübsche Leute und lächelten allesamt freundlich. Das letztere kam Silk ziemlich verdächtig vor. Er konnte einfach nichts daran machen.
Einer der Männer trat zusammen mit zwei Frauen vor. Die Frauen legten Silk und Finnward Blumenketten um den Hals. Gleichzeitig sagte der Mann: “Herzlich willkommen auf unserer Insel Mororro, der Insel im ewigen Nebel.”
***
Joris rieb sich den Kopf, er tat weh. Aber es gab schlimmeres. Zum Beispiel mit schmerzendem Kopf, mit nassen kaputten Sachen und ganz alleine, halb im Wasser an eine einsame Insel angespült worden zu sein. Aber genau das traf auch jetzt gerade nun auf Joris zu. Also stand er erst mal aus dem Wasser auf und versuchte etwas Wasser abzuschütteln. Genauso hätte er versuchen können, seine Haare abzuschütteln.
Aber wenigstens war es hier, wo immer hier sein mochte, warm und so würde Joris schnell trocknen. Aus welchem Grunde auch immer sein Kopf schmerzen mochte, Joris beschloss, diese Sache erst mal zu vergessen und sich ein wenig umzusehen.
Der erste Blick war schnell getan. Daraus ergab sich folgender erster Eindruck: Nebel, Steine, Felsen, Nebel und Felsen. Da mag vielleicht auch noch etwas anderes zu sehen gewesen sein, aber dieses wurde von Joris’ Gehirn als unwichtig eingestuft.
Dann der zweite Blick: Joris befand sich in einer Felgenbucht. Zwischen zwei Felsen führte ein Weg ins Landesinnere.
Es gab jetzt nur zwei Möglichkeiten für Joris: Hier noch etwas faul und mit Kopfschmerzen in der Sonne liegen oder den Weg beschreiten. Der Teil mit faul in der Sonne rumliegen konnte Joris schon gefallen. Doch der Kopfschmerzen-Teil an der ganzen Sache war nicht so sein Ding.
Also keine Kopfschmerzen. Joris raffte sich auf und ging zwischen den Felsen hindurch.
Hier bekam Joris nun seinen dritten Eindruck von seinem neuen Aufenthaltsort: Grün. Hier gab es jede Menge Bäume und anderes Grünzeug. Jetzt fiel es Joris wieder ein. Er war doch gerade noch mit Silk auf diesem Schiff gewesen. Er lief zurück zur Bucht. Aber wo war das Schiff, wo Silk und wo all die anderen Passagiere und der Kapitän.
Langsam schloss sich der Kreis der Gedanken. Das Schiff war gesunken und er war wahrscheinlich der einzige Überlebende.
Joris verließ wieder die Bucht und lief durch den Wald. Aber wohin? Das war doch völlig egal. Also lief Joris weiter, einfach nur so rum.
Nach einiger Zeit sah er etwas, was gar nicht so recht in den Wald hineinpasste. Und dieses war blau. Joris ging näher ran. Da saß jemand in einer blauen Kutte auf einem Baumstamm und las in einem Buch.
Als Joris näher kam, sah der Mann von seinem Buch auf und starrte ihn zunächst verwundert an Dann stand er auf und steckte sein Buch weg.
“Hallo Fremder.”
“Hallo.”
“Herzlich willkommen. Mein Name ist Bruder Tuck. Wir bekommen hier nicht oft Besuch. Um genau zu sein, überhaupt nie.”
“Bitte?”
“Danke. Das liegt an dem komischen Nebel, der ganz um die Insel geht. Deswegen kann hier kein Schiff hin. Und wie bist du hier hin gekommen?” fragte Bruder Tuck dann noch aufgeregt.
“Schiffbruch”, sagte Joris schlicht.
“Das ist schlecht. Wie ich schon sagte, kann hier kein Schiff hin. Der große Bruder meint, das ist schlecht für den Tourismus.”
“Tourismus?”
“Ja, Tourismus. Der große Bruder sagt, da draußen gibt es tausende von Menschen, die viel Geld dafür zahlen würden, um ein paar Tage auf so einer schönen Insel verbringen zu können.”
“Aber daraus wird ja nichts.”
“Noch nicht. Aber der große Bruder arbeitet daran. Wir sind dabei einen riesigen Tunnel zu bauen, um die Insel mit dem Festland zu verbinden. Sind schon fast fertig. Ganz schön schlau der große Bruder.”
“Der große Bruder? Wer ist das?”
“Das ist der oberste unseres …”
“Bruder Tuck”, wurde er von einem Ruf unterbrochen.
“Ich bin hier.”
Im Wald tauchten noch zwei weitere Mönche in blauen Kutten auf.
“Hallo Bruder Tuck. Wie ich sehe, hast du Besuch.”
“Ja, ein Schiffbrüchiger, Bruder Zork.”
“Ein Fremder in unserem Wald. Du weisst, dass er hier nicht sein darf”, sagte Bruder Zork.
“Das stimmt.”
“Und daher müssen wir ihn auch abführen. Bruder Numdatt, lies ihm seine Rechte vor.”
“Aber Fremde haben hier doch keine Rechte”, wandte Bruder Numdatt ein.
“Du hast recht. Ich wollte auch nur sicher gehen. So kann nachher keiner sagen, wir wären nicht den korrekten Weg gegangen.”
Was sollte Joris tun? Fliehen? Das war wohl keine gute Option, sondern einfach nur zwecklos. Also blieb er einfach stehen.
Joris wurden die Hände gebunden und dann wurde er von Bruder Zork und Bruder Numdatt abgeführt. Bruder Tuck nahm sein Buch wieder hervor, setzte sich auf den Baumstamm und las weiter.
Joris beschloss nun, dass es noch etwas schlimmeres ab, als mit schmerzendem Kopf, mit nassen kaputten Sachen und ganz alleine, halb im Wasser an eine einsame Insel angespült worden zu sein, nämlich auf einer einsamen Insel von blauen Mönchen gefangengenommen zu werden. Joris blieb nichts anderes übrig, als pessimistisch zu sein.
***
Die Eingeborenen von Mororo waren wirklich nett zu Silk und Finnward gewesen. Sie hatten sie mitgenommen in ihr Dorf, eine Ansammlung von zwanzig Hütten. Es gab mittelgroße und kleine Hütten, aber nur eine große. Die große Hütte gehörte dem Häuptling. Dort saßen nun Finnward und Silk mit dem Häuptling und einigen anderen Eingeborenen und aßen etwa. Es gab verschiedene Arten von Früchten, Brot und Wasser.
“Ihr seid herzlich willkommen in unserem Dorf, Fremde”, sagte der Häuptling freundlich.
“Ihr könnt mich ruhig Silk nennen und der kleine hier heißt Finnward”, sagte Silk und schob sich eine längliche gelbe Frucht in den Mund.
“Gut. Wir machen auch eine Hütte für euch fertig, wo ihr euch ausruhen könnt. Ihr könnt solange hier bleiben, wie ihr wollt.”
“Danke”, sagte Silk.
“Meister, kennen sie schon die Sache mit …”, fing Finnward an, als er von Silk getreten wurde.
“Aua. Was soll das?”
“Lass das, Finnward. Das ist jetzt nicht angebracht.”
“Bitte?” fragte der Häuptling.
“Danke. Das ist eine persönliche Sache”, meinte Silk. “Dies ist also Mororo, die Insel im ewigen Nebel.”
“Das stimmt.”
“Und die Insel liegt also völlig im Nebel.”
“Das stimmt auch.”
“Habt ihr denn noch andere Leute irgendwo am Strand gefunden?” wollte Silk noch wissen.
“Nein, sonst wurde niemand gefunden”, sagte einer der Eingeborenen.
Dann meldete sich wieder der Häuptling zu Wort: “Das Essen ist nun beendet. Ich schlage vor, ihr zieht euch nun in eure Hütte zurück und ruht euch aus. Morolo wird euch dort hinbringen.”
***
Joris hatte man nicht so freundlich behandelt. Er saß in einer kleine  dreckigen Zelle zusammen mit einer Ratte. Die Ratte schlief gerade und schnarchte. Vielleicht bildete sich Joris das Schnarchen auch nur ein, aber die zwei blauen Mönche, die vor der Zelle saßen und sich unterhielten, bildete er sich nicht ein.
“Ich finde, der große Bruder sollte ihn einfach hinrichten lassen, Bruder Borb”, meinte der eine.
“Nein, nein Bruder Oryxos, so einfach geht das nicht. Wir sollten ihn erst mal foltern.”
“Ja, foltern”, Bruder Oryxos hielt inne, “aber das ist ja ein umfangreicher Begriff. Wir könnten ihn zum Beispiel die Daumenschrauben anlegen.”
“Das ist viel zu einfach. Ich denke, es wäre angebrachter, wenn wir ihm erst mal die Fußnägel ausreißen und uns dann langsam nach oben arbeiten”, meinte Bruder Borb und grinste sadistisch.
“Ich finde immer noch, dass wir ihn einfach hinrichten sollten.”
“Wir könnten ihn ja auf die Streckbank legen. Dann brennt er länger, falls wir ihn verbrennen sollten.”
“Ich denke nicht, dass wir ihn verbrennen sollten”, wandte Bruder Oryxos ein. “Vierteilen wäre angebrachter.”
“Das ist besser. Dann können wir ihn gleich viermal verbrennen.”
Die Tür zum Verlies ging auf und Bruder Numdatt trat mit einem Tablett ein.
“Jetzt kriegt der Gefangene erst mal was zu essen.”
“Ja, ja, schieb’s ihm einfach rein”, sagte Bruder Borb und winkte ihn rein.
“Hier, das ist für dich.”
Bruder Numdatt schob das Tablett in die Zelle und ging wieder. Auf dem Tablett lag ein Stück Brot und daneben stand ein Becher mit Wasser. Joris hatte jetzt keine Hunger. Bruder Oryxos’ und Bruder Borbs Unterhaltung hatte ihm irgendwie den Appetit verdorben. Joris beschloss einfach zu schlafen, obwohl es hier in der Zelle ziemlich hart war. Aber was sollte er denn sonst tun.
Die Ratte wenigstens wurde pünktlich zum Essen wachen. Sie ging zum Tablett und tat sich an dem Brot gütlich.
***
Es war schon Abend und somit schon dunkel geworden. Das Dorf lag in Stille und die meisten schliefen. Zu diesen gehörten auch Silk und Finnward. Aber wie schon angedeutet schliefen nicht alle.
Aus der Hütte des Häuptlings drang noch Licht. Im Inneren saßen fünf Männer im Fackelschein. Natürlich war der Häuptling einer von ihnen. Dann war da noch Palau, der Silk und Finnward am Strand gefunden hatte und drei ältere Stammesmitglieder.
Es herrschte eine ernste Atmosphäre.
Einer der älteren, Talaru war sein Name, meldete sich zu Wort während er mit seinen Händen an seinem langen Stab rumspielte: “Ich habe den ganzen Tag drüber nachgedacht.”
Er machte eine Pause und ließ seinen Stab in Ruhe bis er weiterredete.
“Es könnte sein, dass sich die Prophezeiung erfüllt.”
Aus Respekt wartete der Häuptling einen Augenblick bevor er auf Talarus Äußerung einging: “Ich kenne die Prophezeiung auch. Ich denke, ich kann ganz klar sagen, dass wir sie alle genau kennen.”
Er blickte in die Runde, bestätigendes Nicken und Blicke.
“Und ich bin mir ebenfalls sicher, dass wir alle ihre Erfüllung herbeisehnen.”
Dann hielt er inne und alle blickten ihn erwartungsvoll an.
“Was ich eigentlich sagen will, dass einige Abweichungen existieren, die mich ein wenig zweifeln lassen.”
“Wir haben sonst wirklich niemanden mehr gefunden”, unterbrach Palau den Häuptling.
Der nickte Palau zu und fuhr dann mit seinen Gedanken fort: “Das stimmt. Sie sind nur zu zweit. Die Prophezeiung hingegen spricht von drei Männern.”
“Vielleicht irrt die Prophezeiung”, warf Palau ein.
Die anderen blickten Palau ernst, ja schockiert, an und dann sagte dieser auch nichts mehr. Er wünschte sich innerlich sogar, er hätte gar nichts gesagt.
Danach sprach Talaru wieder und ging auf die Zweifel des Häuptlings ein: “Über diese Sache habe ich mir auch lange Gedanken gemacht. Wir kennen die Prophezeiung, jedoch sind die Wege der Prophezeiung nicht immer klar und Einzelheiten mögen noch im Dunkeln liegen. Aber wir sollten nie das Ziel aus den Augen verlieren: Die Hoffnung, die Rettung, die Erlösung.”
“Du denkst also wirklich”, meinte der Häuptling, “dass die beiden Fremden, die wir gefunden haben, die Prophezeiung erfüllen werden und uns von unserem großen Übel befreien werden?”
“Das will ich sagen.”
Der Häuptling stand auf.
“Dann ist die Sache klar.”
Nun meldete sich auch noch einer der anderen älteren zu Wort: “Und was werden wir als nächstes tun?”
“Die beiden werden Mitglieder unseres Stammes werde”, sagte der Häuptling.
“Und die Prüfung?” fragte der andere weiter.
Stille. Alle blickten nun gespannt auf den Häuptling. Talaru hielt seinen Stab fest umklammert.
“Dann wird sich zeigen, ob sich die Prophezeiung wirklich erfüllen wird. Dann wird sich zeigen, ob sie wirklich die richtigen sind und unser Ausharren ein Ende hat.”
***
Joris wurde angestoßen und so aus seinem Schlaf gerissen. Aber er wollte seine Augen nicht öffnen, so beunruhigend seine Träume auch sein mochten. Seine Realität war scheinbar schlimmer. Der Gedanke, dass er wenn er seine Augen aufschlagen würde, zu seiner Folterung oder zu seiner Hinrichtung gehen würde, war in der Tat weit beunruhigender.
“Jetzt wach endlich auf”, sagte eine leise Stimme. Joris blieb stur und verkrampfte sich. Der Tod kam näher.
“Wenn du jetzt nicht gleich die Augen aufmachst, werde ich dich beißen”, sagte die Stimme und versuchte wütend zu wirken.
Beißen? Wollte ihn einer der Mönche beißen? Folter? Joris spürte ein Zwicken am Bein und riss sofort die Augen auf.
Die Mönche saßen zu dritt am Tisch und kümmerten sich nicht um ihn. Sie spielten Karten.
“18.”
“Ja.”
“20.”
“Das auch.”
Joris schaute runter zu seinem Bein Dort saß die Ratte und starrte ihn an.
“Das wurde auch langsam Zeit. Ich hätte mich sonst langsam nach oben beißen müssen. Ich hätt’s wirklich ur ungern getan”, sagte die Ratte und blickte kurz zu Boden.
“Was?” schrie Joris.
“Psst. Nicht so laut. Wir wollen doch nicht die Aufmerksamkeit der Wachen erregen, oder?”
Die Mönche hatten nichts gemerkt. Sie waren zu sehr in ihr Spiel vertieft.
“Ich spiele ein Großspiel.”
“Da gebe ich dir aber kontra.”
“Gut, Re.”
“Bock.”
“Na dann los.”
“Eine sprechende Ratte. Warum sollte ich mit einer Ratte sprechen”, sagte Joris mehr zu sich selbst als zur Ratte.
“Weil ich dich angesprochen habe, deswegen”, warf die Ratte ein.
“Aber warum kannst du denn sprechen?” wollte Joris wissen.
“Du kannst doc auch sprechen, oder? Gleiches Recht für alle.”
Die Ratte schien zu grinsen. Aber das kann man bei Ratten ja schlecht erkennen.
“So weit ich weiss, und da bin ich mir ziemlich sicher, können Ratten nicht sprechen”, meinte Joris triumphierend.
“Alles ist nicht immer so, wie es scheint. Es gibt viele Dinge zwischen Himmel und Erde und darüber hinaus, die über unsere Vorstellungskraft hinausgehen.”
Die Ratte schwieg einen Augenblick.
“Aber warum erzähl ich dir das eigentlich alles. Du verstehst es ja sowieso nicht.”
“Und? Was willst du von mir, Ratte?”
“Al. Meine Freunde nennen mich Al. Mal ganz abgesehen davon, dass ich hier in der Gegend nicht so viele Freunde habe”, sagte die Ratte ernst.
“Gut, Al, was möchtest du von mir?”
Joris hatte sich mittlerweile damit abgefunden, mit einer Ratte zu sprechen, genauso wie sich Bruder Tuck mittlerweile damit abgefunden hatte, dass sein Großspiel doch nicht so sicher war.
“Ich will, dass du mich hier rausholst”, verkündete Al schlicht.
Joris hätte fast laut gelacht, wenn die ganze Lage nicht so ernst gewesen wäre. Er konnte sich also gerade noch so beherrschen.
“Dich hier rausholen? Ich sehe für mich keine Möglichkeit, hier rauszukommen. Aber mir scheint es so, dass du lediglich zwischen den Gitterstäben hindurchlaufen müsstest und schon wärst du raus”, meinte Joris.
“Es scheint eben nur so”, wandte Al ein, “Ich würde nicht weit kommen.”
“Warum?”
“Weil ich eine Ratte bin. Eine Ratte gehört in den Kerker. Jeder vernünftige Kerker, der was auf sich hält, verfügt über eine Ratte, mindestens eine. Ich bin nur hier, weil das authentisch ist, wie der große Bruder immer sagt”, erklärte die Ratte.
“Der große Bruder? Du kennst den großen Bruder?”
“Nur beiläufig. Er ist das reinste Monster. – Natürlich nur rein metaphorisch”, fügte die Ratte schnell hinzu. “Aber wir weichen vom Thema ab. Es ging darum, dass du mich hier rausholst.”
“Wie ich schon sagte, stehen die Chancen dafür nicht gerade gut.”
Die Ratte kam nun einige Schritte näher und richtete sich zu ihrer vollen Größe auf. Dann sprach sie mit ganz ernster Stimme: “Ganz egal was auch passiert, mein Freund. Du musst mir nur versprechen, mich bei dir zu verstecken und mich mitzunehmen, wenn sie dich holen kommen. Und dann können wir ja weitersehen.”
Joris überlegte einen Augenblick. Er konnte Al ja ruhig versprechen, ihn mitzunehmen, falls sie ihn hier rausbrachten.
“Gut, die Sache geht klar”, versprach Joris.
“Danke, du bist mein bester Freund, leider im Augenblick auch der einzige. Aber ich verspreche dir auch etwas. Wenn wir erst mal aus dieser Zelle hier raus sind, werde ich einen Fluchtplan ausarbeiten. Das steht fest.”
Die Ratte lehnte sich wieder zurück.
“Und übrigens”, fing Al wieder an, “danke auch noch für dein Brot. Das Wasser kannst du behalten. Davon gibt es hier sowieso mehr als genug. Das ist hier immerhin ein feuchter Kerker.”
Al grinste wieder und Joris sagte nichts mehr dazu.
“Wenn du weiter so spielst, Bruder Tuck, dann wirst du noch alles verlieren”, sagte einer der anderen Mönche.
Bruder Tuck hielt eine Hand auf seinen dicken Bauch und erhob den Finger.
“Wartet ur ab. Ich zieh euch alle ab.”
***
Silk saß in der Ecke der Hütte und schaute den goldenen Ring an, den er in Arapek erworben hatte. Währenddessen hing Finnward am Fenster und blickte hinaus. Es war ein schöner Morgen. Draußen herrschte noch Stille. Die anderen schliefen wahrscheinlich noch.
Einige Sonnenstrahlen fielen durchs Fenster in die Hütte und spendeten ein wenig Licht. Silk hielt den Ring ins Licht, wobei er ihn zwischen seinen Fingern drehte und ih von allen Seiten betrachtete.
Vor einige Tagen hatte er diesen Ring von einem Händler in Arapek gekauft und kurz darauf hatte er Joris, seinen besten Freund, überreden können, sich mit ihm auf die Suche nach der goldenen Stadt zu machen. Sie waren schließlich so weit gekommen, dass sie einen Hinweis nachgingen, der sie nach Bag’Adad führen sollte. Aber dann endete ihre Suche. Das Schiff auf dem sie fuhren sank und Silk verlor seinen besten Freund. Was sollte er nun tun? Sollte er die Suche fortsetzen und versuchen nach Bag’Adad zu gelangen? Oder sollte er einfach hier bleiben und alles vergessen? Er wusste es nicht. Und dann wurde Silk auch schon aus seinen Gedanken gerissen.
“Was hast du da?” fragte Finnward und kam vom Fenster herüber.
“Einen Ring”, beantwortete Silk Finnwards Frage schlicht. Finnward kam näher und wollte nach dem Ring greifen.
“Darf ich mal sehn?”
“Natürlich.”
Silk gab Finnward den Ring und er guckte sich ihn an.
“Da ist ja eine Stadt drauf”, meinte Finnward.
“Die goldene Stadt.”
“Bitte?”
“Danke. Die goldene Stadt. Das soll die goldene Stadt sein. Diese Stadt birgt unsagbaren Reichtum. Dieser Ring ist von dort.”
“Und wie kommst du daran?”
“Hab ihn von einem Händler gekauft.”
“Gekauft? Das erinnert mich an die Geschichte mit dem Zwerg, der eine Wunderlampe gekauft hatte. Er rieb daran und heraus kam der Lampengeist. Toll, dachte der Zwerg, jetzt habe ich drei Wünsche frei. Doch der Geist weigerte sich und behauptete, das kostet extra. Das kostet extra, komisch.
Und an der Sache mit der goldenen Stadt soll wirklich etwas dran sein?”
“Ja, ich bin davon überzeugt. Joris und ich waren gerade unterwegs, sie zu finden”, erwähnte Silk und seufzte.
“Wirklich?” fragte Finnward erstaunt.
“Wir gingen gerade einen Hinweis nach.”
“Kann ich mitkommen?”
“Wohin? Ich denke, die Suche hat hier geendet.”
Als Silk den Satz beendet hatte, klopfte es an der Hütte und Morolo trat ein.
“Guten Morgen”, sagte er, “der Häuptling möchte euch zum Frühstück begrüßen.”
“Hallo”, sagten Silk und Finnward.
Silk nahm seinen Ring zurück, stand dann auf und sagte: “Das trifft sich gut, ich habe sowieso schon Hunger.”
Silk und Finnward folgten Morolo aus der Hütte und durchs Dorf. Unterwegs trafen sie einige freundliche Eingeborene. Aber besonders fiel Silk ein älterer Eingeborener auf, der alleine an einer Hütte auf seinen Stab gestützt stand und sie aufmerksam musterte.
Schließlich erreichten sie die Hütte des Häuptlings, wo sie auch schon gestern gewesen waren.
“Ihr könnt einfach reingehen. Der Häuptling wartet bereits auf euch. Ich geh jetzt wieder.”
Morolo ließ die beiden an der Hütte stehen und ging weg. Silk klopfte und dann traten sie ein. Der Häuptling kam sofort und begrüßte die beiden.
“Hallo, meine Freunde. Ich hoffe, ihr hattet eine angenehme Nacht.”
Silk nickte einfach.
“Ja, wir haben gut geschlafen”, bestätigte Finnward.
“Das freut mich zu hören. Dann können wir ja jetzt essen.”
Gemeinsam gingen sie in einen anderen Teil der Hütte. Dort saßen schon andere auf dem Boden beim Esse. Es war Palau und zwei Frauen, eine junge und eine etwas ältere.
“Palau kennt ihr ja bereits”, erklärte der Häuptling, “und das ist meine treue Frau, Molila.”
Er zeigte auf die etwas ältere Frau.
“Und das ist mein ganzer Stolz, meine hübsche Tochter Aloa.”
Silk fand, er hatte mit seiner Aussage recht, aber er wollte nicht unhöflich sein, indem er Aloa angestarrt hätte. Finnward dagegen hatte da keine Hemmungen. Aloa hatte langes schwarzes Haar, weiche Gesichtszüge und ein freundliches Lächeln. Ja, sie lächelte Silk an.
Aber Silk konnte nicht glauben, dass Aloa die Tochter Molilas war. Aber vielleicht hatte sich Molila auch einfach nur gut gehalten.
“Aber setzen wir uns erst mal und fangen mit dem Essen an.”
Der Häuptling bot Silk einen Platz neben Aloa an und Finnward setzte sich daneben.
“Nehmt reichlich von dem Brot. Das haben Aloa und Molila gebacken”, sagte der Häuptling.
Finnward nahm sich direkt einige Stücke Brot und schob sich hungrig eins in den Mund.
Auch Silk griff zu und aß.
Jetzt wurde erst einmal gegessen und keiner sagte ein Wort, weil alle den Mund voll hatten. Abgesehen davon, dass das Brot ein wenig trocken war, schmeckte es gut. Da musste man halt etwas mehr dazu trinken.
Nach einiger Zeit fing der Häuptling wieder an zu sprechen: “Wie ist es eigentlich dort, wo ihr herkommt?”
Finnward antwortete sofort, obwohl er den Mund voll hatte: “Alwo, da wo ich herkomme, ist es eigentlich sehr langweilig. Ich wohnte in einem sehr großen Haus und musste jeden Tag meinen Herrn, der Grafen, unterhalten, musste ben dafür sorgen, dass er fröhlich war und so. War nicht leicht. Und da bin ich einfach gegangen. Habe gekündigt, bevor er mich feuern konnte. Feuern, ich meine natürlich unten in seinem Kerker.”
Alle guckten Finnward fragend an. Dann rappelte sich der Häuptling zusammen und sagte: “Sehr interessant. Vielleicht kannst du uns mal darüber erzählen. Aber nun möchten wir erst noch etwas von deinem Freund hören.”
Aloa blickte interessiert zu Silk herüber und auch die anderen schauten ihn erwartungsvoll an.
Silk zuckte mit den Schultern.
“Gut, da gibt es nicht viel zu erzählen. Nichts besonderes. Also, da wo ich herkomme gibt es viele Menschen, massenweise, und auch noch viele Häuser, eben eine Großstadt. Na gut, das Leben in einer großen Stadt kann vielleicht interessant sein. Aber mir gefiel das nie. Ich bin lieber unterwegs, entdecke neue Gegenden und erlebe etwa.”
“und jetzt hast du ja wieder etwas entdeckt, nämlich unsere schöne Insel”, fügte der Häuptling an. “Und ich schlage vor, dass Palau euch nach dem Essen etwas mehr von der Insel zeigt.”
“Das ist gut”, meinte Silk, “ich freue mich darauf, mich hier mal näher umzusehen.”
Nach dem Essen ging es dann auch los. Sie verließen erst mal die Hütte des Häuptlings. Draußen erwartete sie bereits der alte Mann mit dem Stab, den Silk heute früh schon vor dem Essen gesehen hatte. Palau stellte ihn als Talaru, den Weisen des Dorfes vor. Er begleitet sie dann auf ihren kleine Ausflug.
Silk befürchtete, dass mit Talaru die Reise nur langsam vorangehen würde, aber da täuschte er sich. Talaru war noch ganz vital. Er wirkte sogar noch besser zurecht als Joris in den letzten paar Jahren mit seinen Rückenproblemen.
Die kleine Gruppe ging zunächst einmal aus dem Dorf hinaus Richtung Landesinnere. Palau führte sie durch den Dschungel. Es gab einiges zu sehen unterwegs. Hier auf Mororo gab es jede Menge Arten von Vögeln, praktisch in allen möglichen Farben, schillernd und prachtvoll. Sie kamen auch an einen kleinen Fluss, durch den sie waten mussten. Dann gab es auch noch Affen und Eidechsen.
Schließlich erreichten sie nach einer Stunde eine Gruppe von Felsen, die irgendwie fehl am Platz wirkten. Allerdings waren sie dadurch, dass sie von den Pflanzen überwuchert wurden, schon etwas angepasster.
“Dies sind unsere heiligen Steine”, fing Palau an zu erzählen.
Doch dann übernahm Talaru das Wort: “Hier kommen alle jungen Männer unseres Stammes hin. Sie müssen die Prüfung erfüllen, um wirkliche Männer zu werden. Wenn sie die Prüfung bestanden haben, dann sind die vollwertige Mitglieder des Stammes und erhalten ihre eigene Hütte und können sich eine Frau nehmen, um eine Familie zu gründen.”
“Und worin besteht die Prüfung?” wollte Silk wissen.
Auf diese Frage hatte Palau gewartet. Er lief ein paar Schritte zu einem Felsen rüber. Dieser war stark mit Lianen und anderen Pflanzen überwuchert. Palau bewegte einige Pflanzen zur Seite und legte ein mannesgroßes Loch frei.
“Die Stammesanwärter gehen durch dieses Loch runter in die Höhlen”, beantwortete Talaru Silks Frage.
“Und was erwartet sie dort”, hakte Silk weiter nach.
“Dort werden ihre Sinne, ihr Geist und ihr Herz geprüft und geformt”, fuhr Talaru fort, “sie begeben sich auf die Suche nach dem Schatz und bringen ihn dann mit hinaus. Dann zeigt sich, ob sie würdig sind, ein volles Stammesmitglied zu werden.”
Schatz? Hatte Silk da richtig gehört? Ein Schatz? Natürlich. Ein Schatz. Jetzt erinnerte er sich wieder. Die Insel im Nebel. Er kannte doch die Geschichte. Eine Insel, die völlig von Nebel umgeben ist. Und dort soll es auch einen Schatz geben. Hier ist die Insel und da unten ist der Schatz. Also kein Märchen. Die Geschichte war also wahr. Wenn das Joris miterleben könnte, dachte Silk. Er hatte doch noch erst vor kurzem alles angezweifelt. Und jetzt der Beweis, dass Silk doch recht hatte.
“Und wo soll das Problem sein?” fragte Finnward, “einfach reingehen, den Schatz nehmen und wieder raus. Das könnte ich auch.”
Finnward dachte wohl auch gerade daran, einen großen Schatz zu finden und reich zu werden.
“So einfach ist das nicht. Ich sprach von einer Prüfung von Sinnen, Geist und Herz. Sie können getäuscht werden. Wenn ihr wollt, könnt ihr die Höhlen betreten und den Schatz herausholen”, bot Talaru an.
“Gut, warum nicht?” meinte Finnward locker.
“Und was erwartet den Versager bei der Prüfung”, wollte Silk jetzt noch wissen.
“Schande. Er wird niemals ein richtiges Stammesmitglied sein und auch nie die ganzen Vorrechte genießen, die dies mit sich bringt”, erklärte Talaru.
“Ich würde mir die Höhlen ganz gern mal ansehen”, meinte Silk und ging einen Schritt auf den Eingang zu.
Talaru erhob seinen Stab, deutete auf das Loch und sate: “Gerne. Tretet ruhig ein.”
***
Joris hatte so gut geschlafen, wie man das eben nur konnte in einem kalten und nassen Verlies auf einem harten Boden mit dem Gedanken am nächsten Tag vielleicht zu sterben.

Al hatte von all diesem keine Notiz genommen, da er das schon gewohnt war, was nicht heißen sollte, dass es ihm hier gefiel oder er nicht lieber an einem anderen Ort sein würde.

Das Frühstück hatte Joris diesmal mit Al geteilt, im Verhältnis zur Größe. Al hatte das auch sofort eingesehen, da er davon überzeugt war, dass Joris sein Ticket nach draussen war.

Jetzt schoben mittlerweile zwei andere blaue Mönche Wache vor der Zelle, wobei von dem einen Mönch nicht nur die Robe blau war, sondern diese Farbe bei ihm auch als Zustand vorhanden war. Von Zeit zu Zeit stand er dann vom Tisch auf, mit einigen Schweißtropfen auf seiner Glatze, und trat vor die Gitterstäbe, nur um anschließend fluchend und mit schmerzendem Fuß durchs Verlies zu hüpfen. Bei den ersten Malen hatte sich Joris noch erschreckt, aber mittlerweile hatte er sich dran gewöhnt.

Der andere Mönch störte sich auch nicht daran. Er bewegte sich kaum. Vielleicht weil es zu anstrengend für ihn war wegen seines Körpergewichtes. Seine Hände reichten gerade noch so weit, dass er sie auf seinen Bauch legen konnte. Außerdem wirkte er so, als ob er jeden Augenblick einschlafen würde. Trotzdem war er absolut aufmerksam.

Joris und Al hatten sich darauf geeinigt, dass sich Al in Joris Kleidung verstecken sollte, damit er ihn rausschmuggeln konnte.

Nun waren Geräusche von draußen zu hören. Es kam jemand über die Treppe runter in den Kerker.

Die Tür öffnete sich und Bruder Numdatt und noch ein weiterer Mönch traten ein. Dieser trug eine goldene Kette mit einem runden goldenen Anhänger, in dem sich ein Dreieck befand, in dem sich wiederum ein Quadrat befand.

“Wir sind gekommen, um den Gefangenen mitzunehmen”, verkündete Bruder Numdatt.

“Wirklich?” fragte der glatzköpfige Mönch.
“Ja, wirklich. Anweisung vom großen Bruder”, sagte der mit der Kette mit einer hochnäsigen stolzen Stimme.
Jetzt wurde Joris Aufmerksamkeit erregt und Al machte sich für die Abreise bereit.
“Wenn ihr meint”, sagte der Glatzenmönch, “aber passt auf, er ist gefährlich, hehe.”
Der hochnäsige Mönch wandte sich stolz ab und Bruder Numdatt blickte den Mönch mit der Glatze scharf an.
Dieser wünschte in diesem Augenblick, nie geboren worden zu sein und schloss unterwürfig die Zelle auf. Joris schätzte seine Chancen ab und kam auf Null, Flucht unmöglich. Also beschloss er, keine Widerstand zu leisten.
Bruder Numdatt kam rein und legte Joris in Ketten.
“Jetzt wird der große Bruder entscheiden, was wir mit dir machen.”
Dann bedeutete er Joris aufzustehen und ihm zu folgen.
Als die drei das Verlies verlassen hatten und nun kein Gefangener mehr da war, beschloss der Dicke, endlich zu schlafen.
Während Joris die Treppe raufgeführt wurde, hörte er von unten noch: “Schönen Tag noch, hehe.”
Nach Verlassen des Kerkers kamen sie in einen großen Saal. Am anderen Ende des Saales war eine große schwere Holztür. Die Seiten des Saales wurden von Säulen geziert. Zwischen zwei Säulen befand sich jeweils eine Tür. Der Saal war völlig leer. Nur aus den Räumen, die seitlich lagen, waren hin und wieder einige Geräusche zu hören.
Die drei durchquerten einfach den Saal und verließen das Gebäude. Joris wurde die ganze Zeit von Bruder Numdatt an der Kette geführt. Der andere Mönch lief einfach voraus. Al verhielt sich völlig ruhig.
Endlich sah Joris wieder Tageslicht und freute sich darüber, obwohl ihm sonst nicht zum Freuen zumute war.
Es war eigentlich ein schöner Tag. Der Himmel war blau und eine leichte Brise wehte ihnen ins Gesicht.
Joris wurde über einen Platz geführt, auf dessen Mitte ein Brunnen war, an dem gerade ein Mönch Wasser schöpfte.
Zu allen vier Seiten des Platzes befanden sich Gebäude. Dahinter erhoben sich Felswände. Nur an einer Stelle gab es eine Öffnung. Doch diese war durch ein sehr schweres Holztor mit eisenbeschlagenen Riegeln gesichert. Neben dem Tor standen zwei bewaffnete Mönche.
Das Gebäude zur linken Seite war mit einem großen Schild versehen: Hotel Mororo Imperial.
Während sie den Platz überquerten, betraten und verließen einige Mönche das Hotel.
Gegenüber dem Hotel befand sich ein relativ kleines und schlichtes Haus. Davor standen ebenfalls zwei bewaffnete Mönche.
Das Gebäude, dem sie sich nun näherten, war das größte und prächtigste. Davor standen mehrere Statuen. Die Vorderfront war mit vielen goldverzierten Säulen versehen. Außerdem verfügte es noch über einen hohen Turm, an dem sich ein großes goldenes Zeichen befand, das so aussah wie das an der Kette des Mönches.
Wenn schon das Äußere des Gebäudes nicht zu der Insel gepasst hatte, so tat es das Innere noch viel weniger.
Der Fußboden war aus weißem Marmor genauso wie die Säulen, die vom Boden bis zur Decke fünf Meter maßen. Unten und oben waren sie jeweils mit goldenen Äpfeln verziert. Die Treppe, die sich genau gegenüber befand war ebenfalls aus Marmor. Breit zog sie sich hoch zu einer Galerie, wo sich drei goldbeschlagene Türen befanden. Am Fuße und am Kopf der Treppe standen jeweils zwei goldene Statuen. Die unteren wiesen je mit einer Hand die Treppe hoch und die oberen zeigten auf die mittlere Tür. Über der Tür befand sich wieder das goldene Zeichen vom Turm und von der Kette.
Überall in der Vorhalle waren goldene Leuchter aufgestellt, die hell leuchteten. Von der Decke hingen ebenfalls Leuchter herab. Insgesamt wirkte der Raum so grell, dass Joris sich am liebsten die Augen zugehalten hätte. Das ganze Szenario wirkte irgendwie unwirklich.
Joris kniff die Augen leicht zusammen, während die beiden Mönche ihn die Treppe hochführten. Oben angekommen, blieben sie vor der mittleren Tür stehen. Dort steckte der eine Mönch den Anhänger seiner Kette in die kleine Öffnung neben der Tür. Kurz darauf öffnete sich die Tür langsam und lautlos.
Nun betraten sie einen kleinen Raum, der völlig mit Marmor verkleidet war. Hier standen auch überall goldene Leuchter.
Gegenüber der Tür standen zwei goldene Statuen, die auf die Wand zeigten. Dort hing wieder das nun schon bekannte Symbol. Dieses jedoch schien zu leuchten.
“Auf die Knie vor dem großen Bruder”, fuhr Bruder Numdatt Joris an.
Joris konnte aber niemand anderes sehen als die beiden Mönche, mit denen er hier hergekommen war. Trotzdem sank Joris auf die Knie.
Dann kam eine Stimme von dem goldenen Zeichen: “Herzlich willkommen, Besucher, auf meiner Insel. Du hast die Ehre, vor mir, dem größten Repräsentanten Gottes zu stehen, seinem Stellvertreter auf dieser Welt. Du hast gegen den Willen Gottes verstoßen, indem du unerlaubt diese Insel betreten hast.”
“Aber ich bin unfreiwillig hier, mein Schiff ist gesunken”, traute Joris sich zu verteidigen.
“Schweig, du Ketzer. Und wage es nicht wieder deine Stimme zu erheben. Gott hat beschlossen, dir trotz deiner Blasphemie Barmherzigkeit zu erweisen und dich nicht sterben zu lassen. Du wirst nun zu seinem Werkzeug und darfst ihm dienen.”
Dann schwieg der große Bruder für einen Moment und fuhr anschließend fort: “Bringt ihn in den Tunnel. Dort wird er sein sinnloses Leben sinnvoll einsetzen.”


***
Finnward und Silk waren tiefer in die Höhlen unter den heiligen Steinen vorgedrungen. Durch Ritzen in der Decke fiel Licht in die Höhlen, so dass die beiden einigermaßen sehen konnten. Bis jetzt hatten sie allerdings noch nichts besonderes gefunden, auch keine Spur eines Schatzes.
Doch jetzt wurde der Weg von einem großen Spinnennetz versperrt.
“Wenn diese Höhlen doch so wichtig sind, könnten sie wenigstens ab und zu mal jemand runter schicken zum Staubwischen und so”, meckerte Finnward.
Silk strich vorsichtig die Spinnenweben zur Seite und schlüfte hindurch. Finnwrd folgte ihm und versuchte, das Spinnennetz nicht zu berühren. Doch dies gelang ihm nicht. Bei der Berührung zuckte er zusammen, verfing sich im Netz und riss es ganz runter. So verheddert stolperte er und fiel zu Boden.
Silk, der schon weitergegangen war, kam wieder zurück.
“Jetzt wolltest du wohl versuchen, hier selber sauber zu machen, was?” neckte Silk. Finnward war nicht so begeistert.
“Helf mir lieber hier raus statt Sprüche zu klopfen”, beschwerte er sich.
Stimmt, Sprüche klopfen war Finnwards Bereich, fiel Silk ein. Also bückte er sich und befreite Finnward von den Spinnenweben.
“Da hast du Glück gehabt, dass der Besitzer nicht zu Hause war”, meinte Silk und grinste hämisch.
Und wie auf Kommando kamen auf einmal an der Stelle, wo vorher das Netz gewesen war, überall faustgroße Spinnen aus Spalten gekrochen.
Finnward, der dies sah, sprang sofort auf und rann schreiend den Tunnel hinunter.
“Hey, warte Finnward. Was soll der Quatsch, ich hab doch nur einen Scherz gemacht”, rief Silk ihm hinterher.
Die Spinnen krochen auf Silk zu. Dieser stand auf und lief Finnward hinterher, kurz bevor ihn die erste Spinne erreicht hatte.
Er konnte Finnward immer noch schreien hören. Auf einmal jedoch änderte sich die Art des Schreiens und erstarb dann. Silk beschleunigte sofort.
Finnward war nicht mehr zu sehen. Silk lief den Tunnel runter in die Richtung, in die Finnward ebenfalls gelaufen war. Keine Spur von Finnward.
NAch einem kurzen Stück weiter stoppte Silk abrupt. Er hatte noch Glück gehabt. Vor ihm war ein Loch, in das er beinahe gefallen war. Er stand jetzt gefährlich am Rand und ruderte mit den Armen, um nicht hineinzufallen.
Finnward hatte etwas weniger Glüpck gehabt, er war ins Loch gestürzt. Aber dabei hatte er dann doch wieder Glück im Unglück gehabt. Er war nämlich mit seinen Sachen an einer Wurzel hängengeblieben. Unter ihm ging es in die Tiefe. Wie tief konnte man nicht sagen, da es zu dunkel war.
Silk beugte sich runter. Finnward hing an der Wurzel und versuchte sich nicht zu bewegen.
“Hilf mir”, sagte er ohne die Zähne auseneander zu machen.
Silk streckte seine HAnd aus und sagte: “Gib mir deine Hand, dann kann ich dich hochziehen.”
“Aber dann stürze ich ab.”
“Das Risiko müssen wir eingehen.”
Zaghaft bewegte Finnward seinen Arm und streckte Silk seine Hand hin. Silk griff danach und im gleichen Moment löste sich Finnward von der Wurzel und er rutschte runter.
“Ah, ch falle”, schrie Finnward.
Silks Griff wurde fester.
“Keine Panik, ich hab dich. Ich zieh dich jetzt raus. Mach dich nur nicht so schwer.”
Mit beiden Händen zo Silk Finnward aus dem Loch.
“Pass demnächst besser auf. Bleib bei mir und renn nicht so wie ein aufgeschrecktes Huhn rum”, ermahnte Silk Finnward.
“Lass uns besser hier abhauen”, meinte Finnward.
“Nein, wir werden nicht umkehren, nicht ohne den Schatz. Du hast ja gerade draußen noch so rumgeprahlt, dass das für dich kein Problem wäre”, entgegnete Silk.
“Aber wir könnten sterben.”
“Wir müssen nur besser aufpassen und uns so an die Spielregeln halten. Also hör auf zu jammern und lass uns über das Loch springen.”
Silk nahm Anlauf und sprang problemlos rüber.
“Komm, jetzt du. Das ist ja kein Prolem für dich, oder” rief Silk näckisch rüber.
Finnward strich sich den Schweiß, wahrscheinlich Angstschweiß, und die Haare von der Stirn und nahm Anlauf. Dann lief er, sprang und schaffte es gerade eben so über das Loch zu kommen.
Ein Stück weiter im Gang auf der anderen Seite teilte sich der Weg in drei einzelne Wege auf.
“Und welchen Weg nehmen wir jetzt?” fragte Silk.
Finnward ging zum linken rüber. Er rümpfte die Nase. Aus dem Gang drang ein fauliger, ekeliger Geruch.
“Da gehen wir besser nicht rein. Das würde meine Nase nicht ertragen”, sagte er.
Der mittlere Gang war schmaler und dunkler als die Gänge bisher. Dort waren wohl keine Ritzen in der Decke, da kein licht hineinfiel.
Der dritte Tunnel sah am zuversichtlichsten aus. Finnward ging ein Stück hinein und strengte seine Augen an.
“Schau mal, Silk. Das muss der richtige Weg sein. Da hinten glitzert es schon”, meinte Finnward und deutete durch den Tunnel.
“Du hast mich überzeugt, wir gehen hier lang”, stimmte Silk zu.
Also nahmen sie den rechten Weh. Am Ende des Ganges war ein Glitzern zu sehen. Finnward lief etwa schneller als Silk, da er nur den Schatz im Kopf hatte.
Als sie dem Glitzern schon etwas näher gekommen waren, war ein Rauschen zu hören.
“Hörst du das auch, Finnward?” fragte Silk.
“Was? Willst du mir etwas Angst einjagen? Da ist doch absolut nichts.”
Fnnward lief einfach weiter und Silk folgte ihm, um ihn nicht schon wieder zu verlieren.
Das Rauschen wurde lauter.
“Hörst du immer noch nichts?” wollte Silk wissen.
“Jetzt höre ich auch was.”
“Hört sich an wie Wassermassen.”
“Kann sein. Aber das ist doch auch egal, oder? Denk an den Schatz, wir sind doch gleich da.”
Finnward hastete weiter. Doch plötzlich rutschte er aus und fiel hin und rutschte den Gang weiter. Silk versuchte Finnward zu packen, doch bei dem Versuch rutscte er selber aus und sauste hinterher.
Es folgte eine längere Rutschpartie, die direkt beim Glitzern endete. Sie waren über den nassen rutschigen Boden gerutscht und anschließend einige Meter tiefer in ein BEcken mit Wasser gefallen. Von der anderen Seite plätscherte ein Wasserfall, an dem die Sonnenstrahlen ein Glitzeren erzeugten - in das Becken.

Das Wasser hatte die Wucht des Sturzes nicht ganz gedämpft und so rieben sich Silk und Finnward die Knochen, Aber sonst war nichts schlimmers passiert.
“Dein Schatz”, sagte Silk und deutete auf den Wasserfall. “Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ich nicht hätte auf dich hören sollen.”
“Gut, ich hab mich eben getäuscht. Das kann doch mal vorkommen, oder? Aber wir können ja noch einen anderen Gang ausprobieren.”
Der Wasserfall plätscherte aus zehn Metern in die Tiefe. Gegenüber auf halber Höhe befand sich der Gang, aus dem sie gekommen waren. Silk blickte hoch.
“Da müssen wir aber erst mal einen Weg hier raus finden.”
Das Wasser stand Silk bis zu den Hüften und Finnward bis über den Bauch. Das Wasser stürtzte unaufhörlich den Wasserfall hinunter ins Becken.
“Dann müssen wir wohl da hochklettern”, meinte Silk und deutete auf den Gang, aus dem sie gekommen waren.
“Das schaffe ich nie”, klagte Finnward.
“Ich sehe aber keine andere Möglichkeit.”
Silk schaute sich trotzdem noch einmal um. Vielleicht hatte er ja doch noch etwas übersehen. Ihm fiel nur noch eine kleine Öffnung kurz über dem Wasserspiegel auf. Diese war aber zu klein für sie. Da würden sie erst in ein paar Jahren durchpassen.
Außerdem bemerkte Silk noch einige Lianen, die auf dem Wasser schwammen.
“Gut, ich mache dir einen Vorschlag. Wir knoten ein paar Lianen zusammen, die ich dann mit nach oben nehme und die oben festmache. Dann kannst du daran hochklettern, Finnward.”
“Das könnte klappen”, meinte Finnward.
Sie nahmen einige Lianen und knoteten die Enden aneinander. Anschließend band sich Silk dieses Seil um den Bauch.
“Na dann mal los”, sagte Silk und machte sich an den Aufstieg.
Dies allerdings war nicht so einfach, denn es gab icht überall Stellen, an denen er sich festhalten konnte und dazu war der Felsen noch tückisch nass.
Silk hatte schon fast die Hälfte geschafft, abrutschte, am Felsen langschabte und dann mit einem großen Klatsch wieder ins Becken fiel. Beim Sturz hatte er sich den Ärmel des Hemdes aufgerissen und sich verletzt. Er blutete auch ein wenig und so wurde das Wasser leicht rot gefärbt. Die Verletzung war jedoch nicht weiter schlimm.
“Verdammt”, fluchte Silk, “da kommen wir niemals hoch. Das ist viel zu rutschig.”
“Aber wir müssen doch hier raus”, sagte Finnward in einem beunruhigten Ton.
“Na gut”, sagte Silk, “dann versuche ichs eben noch mal, bis ich dabei draufgehe. Ich muss einfach vorsichtiger sein.”
Silk machte einen zweiten Aufstiegsversuch.
Von irgendwoher ertönte ein Platschen in der Höhle. Es kam nicht vom Wasserfall. Silk und Finnward bemerkten nichts. Silk kletterte weiter. Er passte auf, dass er nicht schon wieder abrutschte. Finnward stand unten im Wasser, das Wasser bis über den Bauch und beobachtete aufgeregt Silk. Dieser hatte jetzt schon fast die Stelle erreicht, an der er beim erstem Mal gescheitert war. Da schrie Finnward auf. Darauf ging das Schreien in ein Gurgeln über.
Silk schaute erschreckt runter zu Finnward. Er war nicht zu sehen. An der Stelle, wo er gestanden hatte, waren aber starke Bewegungen im Wasser zu sehen.

Silk verlor wieder den Halt und stürtzte erneut ins Wasser. Sofort rappelt er sich wieder auf. Im gleichen Moment schoss Finnward aus dem Wasser und schnappte nach Luft. Kurz darauf wurde er auch wieder unter Wasser gerissen. Das Wasser färbte sich rot.
Silk tauchte unter, um Finnward zu finden. Dieser kämpfte unter Wasser mit einem echsenartigen Wesen. Es war kleiner als Finnward, aber sehr kräftig. Silk versuchte die beiden zu trennen. Dies gelang ihm auch. Doch dann hatte er mit der Echse zu tun.
Das Vieh war wirklich stark. Mit Mühe und Not schaffte es Silk. es mit beiden Händen zu packen und von sich fern zu halten.
Finnward, der nun frei war, entfernte sich von dem Kampf. Silk rang weiter mit dem Biest. Es war gar nicht so leicht, es im Griff zu behalten. Silk versuchte, es Richtung Wand zu drücken. Zwischendurch wurde er immer wieder unter Wasser gerissen.
Aber schließlich schaffte er es bis zur Felswand. Dort schmetterte er die Echse mit aller Kraft immer wieder gegen die Felswand bis es sich nicht mehr regte. Dann schlug er es noch einige Male kräftig gegen den Felsen, nur zur Sicherheit.
Dann war alles vorbei. Silk war erschöpft und Finnward schmerzte das Bein an der Stelle, wo er von dem Tier gebissen worden war.
“Wo kam das her?” fragte Finnward und blickte sich ängstlich um.
“Das muss wohl aus dem Loch da hinten gekrochen sein. Aber ich glaube, wir haben nichts mehr zu befürchten. Wenn da noch mehr von denen wären, wären sie bestimmt schon längst vorbeigekommen”, beruhigte Silk Finnward.
Dieser schwieg und wirkte nachdenklich.
“Als ich sagte, wir haben nichts mehr zu befürchten, meinte ich nur die Echse”, fing Silk wieder an, “ich meinte damit nicht unsere Lage. Wie es nämlich aussieht, kommen wir da nicht hoch. Eher brechen wir uns alle Knochen oder sowas. Unsere einzige Möglichkeit besteht wohl darin, hier zu warten und zu hoffen, dass uns irgendjemand findet.”
Finnward riss überzeugt seinen Arm hoch und zuckte gleichzeitig dabei zusammen, wegen seiner Verletzung am Bein.
“Nein, nein, du irrst dich großee Echsentöter”, widersprach Finnward.
“Bitte?”
“Danke. Ich meine, du irrst dich, Wir haben noch eine weitere Möglichkeit. Es muss einfach so sein.”
Wie kommst du dazu?”
“Zum einen”, fuhr Finnward fort, “scheint es mir nicht gerade heldenmäßig, einfach hier rumzusitzen und zu warten. Und zum anderen”, Finnwrd deutete mit beiden ausgebreiteten Armen auf das Wasser, “das Wasser.”
“Das Wasser?” Ach ja, genau, das Wasser Das hätte ich fast vergessen. Durch den Wasserfall kommt doch immer mehr Wasser rein. Der Wasserspiegel steigt und bald können wir einfach hier rausschwimmen. Herrlich.”
“Nein”, enttäuschte ihn Finnward, “eben nicht. Das Wasser steigt kein bisschen.”
“Aber …”
Silk schaute sich um und beobachtete den Wasserspiegel. Das Wasser stand ihm immer noch bis zu den Hüften.
“Das Wasser, das hier reinkommt, muss hier also irgendwie wieder raus. Und daher muss hier auch ein grosses Loch sein irgendwo, schlussfolgerte Finnward und war recht stolz auf seine Logik. Er verschrenkte die Arme vor der Brust und grinste sogar, mit einer auch von Schmerz, wegen seinem Bein.
“Da hast du ja deinen Fehler von gerade wieder gut gemacht”, sagte Silk in der Überzeugung, dass Finnward mit seiner Behauptung recht hatte. Sofort machte er sich auf die Suche nach dem Abfluss. Er suchte die Wandung des Beckens ab, bis er schließlich an einer Stelle einen Sog spürte.
“Hey, Finnward, du hast recht gehabt, hier ist der Ausgang. Jetzt brauchen wir nur noch raus zu schwimmen.”
“Aber wohin?”
“Es gibt nur eine Möglichkeit, es herauszufinden.” Silk hielt einen Moment inne. Dann zuckte er mit den Schultern. “Wir probieren es einfach aus.”
“Und was, wenn es da nicht rausgeht, wenn wir keine Luft mehr kriegen? Dann ist es aus und wir werden dann sterben”, wandte Finnward ein. Seine Freude über seine Logik war verflogen.
“Zum einen ist das hier unsere letzte Möglichkeit und zum anderen ist es nicht gerade heldenmäßig zu ersticken, würde ich mal so sagen”, erklärte Silk und tauchte dann ab.
Finnward stand einen Augenblick alleine im Becken. Der Wasserfall donnerte immer noch unaufhörlich herab und das Wasser stieg immer noch nicht an. Er schaute sich besorgt um. Alleine wollte er hier auch nicht bleiben. Vielleicht war da ja doch noch einer weitere Echse hier, die Hunger hatte. Die machte momentan vielleicht nur ein Nickerchen, aber dann. Finnward mochte gar nicht weiter daran denken. Er tauchte ab und folgte Silk
Dieser war schon ein Stück weit vorweg getaucht. Hier unten war es ziemlich dunkel. Man musste sich immer wieder von den Wänden abstoßen. Allerdings gab es auch eine leichte Strömung, die recht hilfreich war und das Vorankommen ein wenig erleichterte.
Es war kein Ausgang in Sicht oder auch nur zu erahnen. Die beiden tauchten und stießen sich weiter durch die Feuchte Stille. Sollte dies vielleicht doch ganu unheldenhaft ihr Grab werden.
Die Luft wurde knapp. Silk kannte zwar jemanden, der zehn Minuten lang die Luft anhalten konnte, doch leider half ihm das auch nicht weiter, wenn er das nicht konnte. Schade. Er versuchte gegen den Sauerstoffmangel anzukämpfen und weiter voranzudrängen.
Finnward erging es nicht besser. Er kannte nicht mal jemanden, der zehn Minuten lang die Luft anhalten konnte, was ihn unter anderem ja sowieso nicht weiterhelfen würde. Er musste immer nur daran denken, wie unheldenhaft es jetzt wäre, hier einfach zu sterben. Das dürfte nie geschehen. Dann wieder war er ja doch nur ein Clown.
Es wurde heller. Silk holte das letzte aus seinem Körper raus und dann noch das allerletzte.
Auch Finnward bemerkte, dass es heller wurde.
Es hat ja niemand behauptet, dass nicht auch ein Clown ein Held sein konnte.
Silk hatte es geschafft. Der unterirdische Kanal floss schließlich durch eine Höhle, wo es auch wieder Luft zum Atmen und halbwegs trockenen Boden gab. Silk schnappte nach Luft und freute sich mindestens genauso wie seine Lungen, wenn man dabei von Freude sprechen konnte. Er setzte sich an Land und genoss es, zu atmen, wenn man dabei wirklich von genießen sprechen konnte.
Dann kam Finnward oder sein Körper. Er kam hoch an die Oberfläche und trieb leblos weiter. Entsetzt sprang Silk ins Wasser und zog ihn heraus.
Keine Regung von Finnward. Tot. Das war wohl zu viel für ihn gewesen.
“Nein, du darfst nicht tot sein”, schrie Silk und versucte ihn wiederzubeleben, Wasser auspumpen und Mund zu Mund Beatmung.
“Du bist nicht tot”, schrie Silk, “das ist nicht heldenmäßig.”
Da hustete Finnward, dann nochmals und dann fing er an hastig zu atmen.
“Aber doch durchaus clownmäßig”, sagte Finnward mit der wenigen Kraft, die er hatte und versuchte gleich ein Grinsen hinterherzuschieben, eben clownmäßig. Doch dann erachtete er es für besser erst einmal etwas mehr Sauerstoff in sich aufzunehmen.
Silk stand empört auf. “Dieser Witz war aber diesmal wirklich schlecht.”

Zum ersten Mal seitdem er Finnward getroffen hatte, war er froh, dass er nicht tot war.
Dann schwiegen erst mal beide und erholten sich von ihrem Tauchgang.
Nachdem ihre Atmung wieder völlig normal ging und alles andere im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten wieder normal funktionierte, nahmen die beiden sich erst einmal die Gelegenheit sich ein paar Gedanken zu machen.
Silk dachte über die Wege der Logik nach, darüber warum er nicht mittlerweile in den großen Kreis der Wasserleichen oder anderer Toter aufgenommen worden war. Er kam zu dem Schluß, dass dies alles wohl mit Glück zu tun hatte. Das Loch, das aus dem Becken geführt hatte, war nur durch Glück dagewesen und nur durch Glück hatten sie die Durchquerung überlebt.
Finnward beschäftigte sich auch mit dem Thema Logik. Im Becken hatte er bereits über seine Logik triumphiert und sich darüber gefreut wie ein Baby über seine ersten Schritte. Vielleicht waren das auch nur seine ersten Schritte auf dem Weg zum Helden, denn schließlich hatte er ja auch gerade etwas heldenmäßiges getan. Wieder freute er sich über seine Logik. Jetzt blieb nur noch zu erwarten, dass das Baby auf den Hintern fiel.
Aber jetzt musste es erst mal weiter gehen, denn schließlich waren sie ja noch nicht wieder raus aus den Höhlen und hatten auch noch keinen Schatz entdeckt.
Jetzt bereute Silk schon wieder, dass Finnward nicht tot war, denn er entdeckte keinen Ausgang aus dieser Höhle. Zumindestens keinen, der es nicht erforderte ins Wasser zu gehen.
“Hier muss es aber einen Ausgang geben”, bestimmte Finnward.
Dann folgte seine alles übertreffende Logik: “Sonst wären wir ja schließlich umsonst hier rein getaucht.”
Silk war schon fast bereit, Finnwards Ertrinken nachzuholen, als er in fast zwei Meter Höhe ein Loch in der Wand entdeckte, durch das sie passen mussten.
Schon wieder Glück. Sie hatten aber wirklich eine Menge Glück.
“Du hast recht, Finnward, da oben ist wirklich ein Ausgang.”
“Wie sollte es auch anders sein.”
“Gut, ich helfe dir erst hoch und dann hilfst du mir von oben”, beschloss Silk.
Und so wurde es dann auch gemacht. Silk schob Finnward die Wand hoch, so dass er in die Öffnung klettern konnte. Dann griff er selber in das Loch und Finnward half, ihn hochzuziehen. Gut, er versuchte es zumindestens. Ein Waschbär hätte wahrscheinlich die gleiche Hilfe leisten können.
Jedenfalls waren die beiden nun in einem niedrigen schmalen Gang, in dem sie nur kriechen konnten. Finnward kroch vor und Silk direkt hinterher und schob ihn gleichzeitig an.
Nach einer Weile rief Finnward plötzlich: “Langsam, langsam, da vorne geht’s raus, eine neue Höhle.”
Vielleicht war er schwerhörig oder es war eine Art Rache. Oder Silk wollte sich einfach nicht den Spaß nehmen lassen. Jedenfalls schob Silk weiter bis Finnward aus dem Gang verschwand.
“Aua”, rief Finnward.
Dann ein Jubeln.
“Der Schatz, wir haben den Schatz gefunden”, rief Finnward von unten.
Silk kroch schnell weiter und blickte dann runter in die neue Höhle. Da saß Finnward auf einem Haufen Goldmünzen und Edelsteinen.

Langsam ließ sich Silk aus dem Kriechgang hinunter in die Schatzkammer. Finnward machte sich sofort daran, sich die Taschen vollzustopfen, Goldmünzen, Ringe, Perlenketten und alles mögliche, was wertvoll aussah.
“Warte mal, Finnward, das kannst du doch nicht machen.”
“Was?”
“Ich mein das ganze Gold und so einstecken.”
“Aber der alte Mann hat doch gesagt, wir sollen den Schatz holen, oder nicht?”
“Das wohl.”
“Na also.”
Finnward packte weiter ein und wurde immer dicker.
“Aber er sprach auch davon, dass es eine Prüfung sei.”
Finnward hörte auf, sich vollzustopfen.
“Es kann also nicht richtig sein, hier einfach alles rauszukarren, was glitzert und funkelt. Das ist außerdem sowieso viel zu viel. Und was sollte man auch mit all dem Zeug hier auf der Insel. Es muss also etwas anderes bedeuten.”
Jetzt kam Silks Logik oder was immer es war. Finnward zuckte mit den Schultern, ging einige Schritte vom Schatz weg und blieb einfach da stehen.
Silk betrachtete ebenfalls den Schatz aus einiger Entfernung. Wie schon gesagt, gab es da Goldmünzen, Perlenketten und Edelsteine. Dann waren da noch Kronen, Stäbe, Medallions, Broschen und ein goldenes Schwert. Das Schwert war mit Edelsteinen verziert.
“Das Schwert”, schrie Finnward “ genau, das Schwert hatte Talaru gemeint.”
Silk überlegte kurz und fad, dass an der Sache etwas dran sein musste. Denn schließlich zeichnete eine Waffe einen Krieger und somit einen richtigen Mann und dann wohl auch ein volles Stammesmitglied aus.
Silk ging rüber zu dem Schwert und wollte es aufnehmen. Doch da bemerkte er etwas anderes, einen goldenen Handspiegel.
Statt das Schwert zu nehmen ergriff er den Spiegel. Er wusste nicht, was es war. Vielleicht ein Deja Vu, was bei der Überanstrengung durchaus möglich gewesen wäre, oder es war einfach sein sechster Sinn. Wenigstens kam ihm die Situation bekannt vor und er fand es einfach richtig, den Spiegel zu nehmen.
“He, was soll das. Ich dachte wir nehmen das Schwert”, rotestierte Finnward.
“Ich dachte, der Spiegel ist richtiger”, meinte SIlk, “oder hast du sonst noch irgendwo eine Waffe auf der Insel gesehen. Das Schwert passt nicht. Der Spiegel muss der Schatz sein.”
“Na gut, aber lass uns endlich abhauen.”
Zwei Wege führten aus dieser Höhle. Einer ging abwärts, einer aufwärts. Wieder einmal entschied die Logik und so gingen sie aufwärts.
Nach kurzer Zeit war dann auch Licht vor ihnen zu erkennen.
Aber auf einmal brach der Boden unter Finnward zusammen. Er stürtzte abwärts und konnte sich gerade noch mit einer Hand am Rand festhalten. Unter ihm gähnende Leere. Die ganzen Wertsachen, die Finnward sich eingesteckt hatte, purzelten aus seinen Taschen in die Tiefe.
“Neiiiiiin”, schrie Finnward.
Jetzt bemerkte Silk, der vorausgegangen war, was geschehen war. Er wandte sich um und half Finnward wieder einmal aus der Patsche.
“Du musst endlich lernen, auf dich aufzupassen”, ermahnte er ihn.
“Mein Schatz, mein Schatz”, jammerte Finnward.
“Ich hab dir doch gesagt, dass das nicht der Schatz ist”, sagte Silk während er Finnward hochzuog.
Nach diesem letzten Zwischenfall konnten sie dann endlich die Höhlen wieder verlassen. Sie hatten ihre Lektion gelernt, obwohl Finnward mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden war. Er war ein wenig enttäuscht.

***


Wird fortgesetzt …

2 comments:

  1. Replies
    1. When the time is right, the show will go on ... eh ... the story will go on.

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